Archiv des Autors: Renan Cengiz

Wortsucht – Einkaufswagen

Wortsucht – Einkaufswagen

Einkaufswagen

von Wortsucht

Ich ahnte es schon, als ich aus dem Fenster schaute und die schwarzen Gewitterwolken sah. Es braute sich etwas zusammen. Klar, manchmal sollte man den meteorologischen Vorzeichen nicht so viel Bedeutung beimessen. Bezogen auf Kunden hilft es wenig, den Himmel zu beobachten. Und dennoch.

Jedenfalls kamen mir die beiden alten Damen sehr ungelegen. Ich war gerade in einem Gespräch mit einer äußerst ansehnlichen Frau. Das konnten die alten Damen zwar sehen, aber es schien sie nicht zu stören. Jedenfalls drängte sich die erste der beiden genau zwischen meine Gesprächspartnerin und mich, während ihr die andere Rückendeckung gab.

„Sie, wo gibt es denn in ihrem Laden Einkaufskörbchen?“, fragte die erste. Und die zweite schob nach: „Oder vielleicht Einkaufswagen?“

Ich lächelte sie freundlich an. Bekanntlich ist ein Lächeln die netteste Art, die Zähne zu zeigen.

„Sie wissen ja sicher, dass dieser Laden nicht besonders groß ist“, stellte ich die rhetorische Frage, „und sie wissen sicher auch, dass ich immer wieder alles verändere, nur um die Kunden zu verwirren?“ Sie nickten beide eifrig, aber freundlich. „Deshalb habe ich eingerichtet, dass man die Einkaufswagen neu bereits am Bahnhof nehmen kann und die Einkaufskörbchen bei der Post.“ Die beiden Damen schauten sich gegenseitig an, dann wieder mich. Sie sagten kein Wort.

„Ich schlage ihnen vor, einen Wagen zu holen, dann müssen sie ihre Einkäufe nicht so weit schleppen. Wissen sie, wo der Bahnhof ist?“ Sie nickten erneut.

„Aber halten sie die Augen offen, manchmal stehen noch ein paar neben der Eingangstüre!“, ermahnte ich sie.

Die Rentnerinnen trotteten von meiner Gesprächspartnerin und mir weg und wir konnten weiterreden.

Im Verlauf des späteren Nachmittags fiel mir ein, dass ich die beiden Damen gar nicht mehr gesehen hatte. Draußen tobte ein heftiges Sommergewitter und es goss wie aus Kübeln. Wie üblich bei solchem Wetter, hatte ich sehr wenige Kunden im Laden. Um so erstaunter war ich, als zwei triefend nasse Gestalten den Laden betraten.

Ups.

Wieder stellten sie sich in ihrer alten Angriffsformation vor mich hin. „Wir haben nun drei Bahnhöfe abgeklappert! Aber nirgends konnten wir ihre Einkaufswagen finden! Und die Post hat mittlerweile geschlossen!“

„Ach wissen sie was?“, sagte ich, „Nehmen sie doch einfach einen von denen hier neben der Türe!“

Verdutzt schauten sie sich an.

„Also heute Mittag stand hier noch kein Wagen!“, behauptete die erste. Worauf die andere antwortete: „Doch, aber ich dachte, du wolltest ein Körbchen holen bei der Post!“

sandfarben – franco dogana

sandfarben – franco dogana

franco dogana

seit damals
spricht Salvatore kaum noch
er stempelt dogana italiana
auf die pakete
und blickt durch das schmale fenster
auf wolkenverhangenem horizont
wo sich berge vergraben
gleich seiner tage
hinter dem schreibtisch

wartet monatlich auf la poesia
eine zeitschrift auf der durchreise
nach norden für eine signora
darin stehen worte aus silberfäden
die brennen in seinem kopf
streichen über seine lippen
wie eine sanfte tierpfote

er öffnet und liest
verschließt sie dann wieder
und heftet vorsichtshalber
noch einen klebestreifen
über franco dogana

sandfarben

Wortsucht – Dialog

Wortsucht – Dialog

Dialog

von Wortsucht

Gestern Nachmittag auf der Heimfahrt, ich eingequetscht zwischen zwei Damen. Übel. Beine nicht strecken, keine Armfreiheit, Dauerdialog. Na ja, dachte ich zuerst. Aber den Beiden zuzuhören, der Hammer!

Es handelte sich offenbar um Schwestern, beide im Rentenalter.

Sagte die Eine: „Gestern habe ich Erika gesehen!“

Die Andere: „Welche Erika?“

„Na, welche wohl?“

„Ja, welche wohl?“

„Stell dich nicht so an, die Erika!“

„Welche Erika? Die aus Zürich?“

[Verdreht die Augen] „Nein, die Erika! Die Deutsche!“

„Die Rothaarige?“

„Neeeiiin …!“

„Ach so, jetzt weiß ich welche! Die, die gern wandert!“

„Ja, sag ich doch, dass du sie kennst!“

„Ja, die kenn ich. Aber ihr Mann ist doch der, der gerne wandert?“

„Nein, ihr Mann schaut gerne Fußball!“

„Aber wandern tut er auch, lieber als sie!“

„Nein, wenn er gerne Fußball schaut, hat er keine Zeit zum Wandern …“

„Hmm …“

Stille für 10 Minuten.

„Am Sonntag machen wir einen Ausflug!“

„Wer?“

„Ich und Erika!“

„Wo geht ihr hin?“

„Wandern, kommt auf’s Wetter an …“

„Welche Erika?“

16 Fragen an KeinVerlag-Autor Owald

16 Fragen an Owald

16 Fragen an KeinVerlag-Autor OwaldSchenkt man Owalds KeinVerlag.de-Profil Glauben, ist der Autor und ZUSAMMEN/KUNST!-Teilnehmer Owald derzeit tätig als agiler Geleebatzen. Was es sonst über ihn zu sagen gibt, sagt er besser selbst:

„Gestatten: Owald. Geboren 1977, wohnhaft in Dortmund. Beruflich verkaufe ich Putzmittel, was niemand, der meine Wohnung sieht, vermuten würde. Seit ein paar Jahren schreibe ich Gedichte, die ich im Internet zur Schau stelle. So landete ich bei KeinVerlag.de, und so kam ich dann auch zur Teilnahme an der ZUSAMMEN/KUNST! 2016. Dies wiederum rückte mich in den Fokus der 16 Seiten und setzte mich den unten aufgeführten 16 Fragen aus.

Deshalb bin ich hier. Und das nicht einmal ungern. Nuja.“

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Owald – erfolgsspur

Owald – erfolgsspur

erfolgsspur

von Owald

so lange trat ich auf der stelle,
und immer blieb nur alles gleich,
ich blieb mir fremd, ich blieb mir treu.
dann blieb ich stehen. das war neu.
und stellte fest, erkenntnisreich:
der boden hat jetzt eine delle.