Archiv der Kategorie: Prosa

Leselust/Lesefrust

Lesefrust – Wann lege ich Bücher weg bzw. lese sie nie zu Ende?

von I.J. Melodia

Grundsätzlich möchte ich jedes Buch zu Ende lesen. So handhabe ich es auch mit anderen Medien wie Filme oder Musikalben. Zum einen weiß man nie, ob nicht doch noch die große Überraschung, Wendung oder Passage kommt, die einen fesselt. Zum anderen gehört es in gewisser Weise dazu, kreativen Geistern eine Chance zu geben, und ist, zumindest für mich, eine Form der Höflichkeit oder des Respekts gegenüber dem/der Kunstschaffenden. Es wird ein Gedanke, eine Idee dahinter gewesen sein.    

Und ja, es ist manchmal eine Quälerei und ja, es gab selbstverständlich auch bei mir schon Ausnahmen.

Ich werde bewusst darauf verzichten Namen oder Titel als Beispiele zu nennen. Auch hier geht es um die Achtung vor der Kunst. Und ein kleines Bisschen um die Angst vor etlichen Hasstiraden.

Die (Haupt)gründe, weshalb man ein Buch weglegt, dürften 5 sein:

  1. Thema/Genre
  2. Handlungsstrang
  3. Schreibstil
  4. Charaktere
  5. Subjektives Empfinden

Ich formuliere es vorsichtig: Ein Roman über das Stricken wird mich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht dazu animieren, es überhaupt in die Hand zu nehmen. Womit ich aber keinesfalls sagen möchte, dass es unmöglich wäre zu diesem Thema nicht etwas Spannendes zu schreiben! Wenn mir jemand ein solches Buch empfehlen kann, gerne. Was ich sagen möchte ist, dass das Thema für gewöhnlich die Wahl eingrenzt, aber ich bin durchaus offen für alles.

Da ist mir in diesem Zusammenhang die Handlung wesentlich wichtiger. Wie gesagt, würde ich ein Buch über das Stricken lesen, wenn die Geschichte dahinter überzeugend ist, Spannung aufbaut und neugierig macht. Kurzum: Wenn es jemand schafft, aus dem Thema etwas Neues, Originelles zu kreieren, hat er es verdient, dass ich es lese.

Beim Schreibstil bin ich flexibel und tolerant. Seien es seitenlange Schachtelsätze oder ein Fragmentstil mit Sätzen, die aus 3 Wörtern bestehend. Der Kontext spielt hier eine Rolle. In einen Gesellschaftsroman gehören ebenso wenig morseähnlich ausgespuckte Kurzdialoge wie ausschweifende Darstellungen eines Wohnzimmers in eine Coming of Age-Geschichte. Aber auch hier: Wer eine solche, gut geschriebene Anomalie kennt, bitte melden!

Ein Charakter muss sympathisch sein. Punkt. Ohne das Mitfiebern mit dem Protagonisten bringt einem auch die beste Handlung nichts. Dabei ist es meiner Meinung nach gleichgültig, ob es sich um einen „guten“ oder „bösen“ Charakter handelt. Man muss seine Motive, Ziele und Vorgehensweisen nachvollziehen. Im Idealfall gibt es eine Entwicklung. Falls diese Figur nach 100 Seiten stirbt/verschwindet etc., sollte es genug „Nebencharaktere“ geben, um die Lücke auszufüllen.

Der wichtigste Aspekt, weshalb man ein Buch nicht zu Ende liest, ist das persönliche Empfinden. Selbst wenn alles passt: Das Lieblingsgenre mit entsprechendem Thema; eine Handlung, die logisch ist und Spannung verspricht; ein Schreibstil, der sich flüssig liest und Charaktere, die perfekt in dies Welt passen. Aber nur ein paar merkwürdige Sätze, eine historische Ungenauigkeit, vielleicht ein Ort oder irgendeine andere Kleinigkeit in der Handlung und der Spaß ist womöglich vorbei.

Für mich sind es z.B. Recherchefehler bzw. –faulheit. Oder was ich gerne als Pseudowahrheit bezeichne. Quasi wenn das Buch bewusst als „realistisch“ und/oder „historisch“ daherkommt, ich aber beim Lesen merke, dass Zusammenhänge, Orte, Namen oder Daten usw. nicht korrekt sind. Oder wenn es offensichtlich ist, dass Sätze, Passagen etc. aus andere Büchern (oder Filmen, Liedtexten) geklaut sind. Und ich meine geklaut und nicht entlehnt, persifliert oder als Hommage integriert.

Vermutlich fallen mir noch andere Punkte ein. Allerdings würde ich mich damit vermutlich unglaubwürdig machen, angesichts meiner Aussage zu Beginn. Daher lasse ich es und rate allen offen für Neues zu sein in der großen weiten Welt der Literatur. Es gibt immer wieder Kleinode, vergessene Klassiker oder verkannte Neulinge zu entdecken. Und nur, weil ein Buch nicht auf einer Bestsellerliste steht, heißt das nicht, dass es nichts taugt. Da habe ich eher die gegenteilige Erfahrung gemacht.

Aber das ist ein anderes Thema.

Homepage von I.J. Melodia

Constanze Thum – Nein, da steckt nichts unter meiner misanthropischen Fassade. Aus der Reihe: Ich will doch einfach nur schlafen

Ich kann dich ich-bin-so-sensibel-und-einfühlsam-Menschen nicht leiden. Du kommst dann immer mit deinem „Also ich kann’s jetzt nur so intuitiv sagen, aber ich glaube, du bist eine ganz warme und offene Person.“
Nein, man, bin ich nicht.
Ich kann die meisten Menschen ja nicht mal leiden, dich schon gar nicht, geh weg.
Du denkst, du wüsstest, wie ich ticke, weil du mal zwei Stunden Wein mit mir getrunken hast. Aber du weißt ’nen Scheiß. Und dann sagst du sowas wie „Boah du bist so kreativ, ich bin auch kreativ, ich male immer intuitiv, weißt du, ich will das auch gar nicht können oder üben, ich mach das nur für mich, so aus mir raus, hier guck mal:“
Ja, deshalb sieht’s eben auch kacke aus, weil du keinen Anspruch hast, nicht mal an dich selbst. Ist doch peinlich. Geh weg.
Ich kann nicht tanzen und will auch nicht.
Ich kann singen aber will nicht.
Hör auf, mich mit deinem Enthusiasmus anstecken zu wollen und spar dir dein „ach komm schon,  mach mit!“ Ich bin nicht schüchtern, ich hab einfach keine Lust. Ich bin nicht introvertiert, ich bin einfach nur ein Arschloch. Also geh weg.
Du findest mich nett, weil ich „Bitte“ und „Danke“ sage und verwechselt Anstand mit Interesse. Ich will deine Handynummer nicht, ich will nicht einmal deinen Namen kennen. Du könntest von mir was lernen, ernsthaft, aber stattdessen willst du in meine Seele schauen oder so ein Scheiß. Das ist keine Arroganz, das ist ein akademischer Grad: ich weiß wirklich mehr als du.
Du sagst, du bist ein Herzmensch und das ist bestimmt ’ne gute Sache. Aber ich bin ein Kopfmensch und das hier, das ist meine Sache.
Also geh weg.

Constanze Thum

Bastian Kienitz – 23.03.2012 [14.00Uhr]

Du musst anfangen das weiße Blatt zu bemalen, mit einem
Bleistift fremde Zeichen, Hieroglyphen stanzen: in Rom wird
eben Weltgeschichte geschrieben vllt. auch deine Geschichte
oder das deiner Väter >> zumindest das deiner Vatersväter:

genug um auf den Hügelgräbern: Schachtelhalme, Moos zu
betten, flechten die Pflanzen und unterm Vordach mauern
sich Schwalben in ihre Nester ein, tauchen wieder auf, Luft-
wirbel in der Zwischenwelt / Tropopause: Fernsicht deutlich
erhöht

er nimmt die Spinne, überdeckelt sie mit Glas: m u r m e l t
(willkommen in meiner Welt, in der Gott und der Teufel ein
Spiel spielen)…Rauch…

Bastian Kienitz

Wortsucht – Einkaufswagen

Wortsucht – Einkaufswagen

Einkaufswagen

von Wortsucht

Ich ahnte es schon, als ich aus dem Fenster schaute und die schwarzen Gewitterwolken sah. Es braute sich etwas zusammen. Klar, manchmal sollte man den meteorologischen Vorzeichen nicht so viel Bedeutung beimessen. Bezogen auf Kunden hilft es wenig, den Himmel zu beobachten. Und dennoch.

Jedenfalls kamen mir die beiden alten Damen sehr ungelegen. Ich war gerade in einem Gespräch mit einer äußerst ansehnlichen Frau. Das konnten die alten Damen zwar sehen, aber es schien sie nicht zu stören. Jedenfalls drängte sich die erste der beiden genau zwischen meine Gesprächspartnerin und mich, während ihr die andere Rückendeckung gab.

„Sie, wo gibt es denn in ihrem Laden Einkaufskörbchen?“, fragte die erste. Und die zweite schob nach: „Oder vielleicht Einkaufswagen?“

Ich lächelte sie freundlich an. Bekanntlich ist ein Lächeln die netteste Art, die Zähne zu zeigen.

„Sie wissen ja sicher, dass dieser Laden nicht besonders groß ist“, stellte ich die rhetorische Frage, „und sie wissen sicher auch, dass ich immer wieder alles verändere, nur um die Kunden zu verwirren?“ Sie nickten beide eifrig, aber freundlich. „Deshalb habe ich eingerichtet, dass man die Einkaufswagen neu bereits am Bahnhof nehmen kann und die Einkaufskörbchen bei der Post.“ Die beiden Damen schauten sich gegenseitig an, dann wieder mich. Sie sagten kein Wort.

„Ich schlage ihnen vor, einen Wagen zu holen, dann müssen sie ihre Einkäufe nicht so weit schleppen. Wissen sie, wo der Bahnhof ist?“ Sie nickten erneut.

„Aber halten sie die Augen offen, manchmal stehen noch ein paar neben der Eingangstüre!“, ermahnte ich sie.

Die Rentnerinnen trotteten von meiner Gesprächspartnerin und mir weg und wir konnten weiterreden.

Im Verlauf des späteren Nachmittags fiel mir ein, dass ich die beiden Damen gar nicht mehr gesehen hatte. Draußen tobte ein heftiges Sommergewitter und es goss wie aus Kübeln. Wie üblich bei solchem Wetter, hatte ich sehr wenige Kunden im Laden. Um so erstaunter war ich, als zwei triefend nasse Gestalten den Laden betraten.

Ups.

Wieder stellten sie sich in ihrer alten Angriffsformation vor mich hin. „Wir haben nun drei Bahnhöfe abgeklappert! Aber nirgends konnten wir ihre Einkaufswagen finden! Und die Post hat mittlerweile geschlossen!“

„Ach wissen sie was?“, sagte ich, „Nehmen sie doch einfach einen von denen hier neben der Türe!“

Verdutzt schauten sie sich an.

„Also heute Mittag stand hier noch kein Wagen!“, behauptete die erste. Worauf die andere antwortete: „Doch, aber ich dachte, du wolltest ein Körbchen holen bei der Post!“

Wortsucht – Dialog

Wortsucht – Dialog

Dialog

von Wortsucht

Gestern Nachmittag auf der Heimfahrt, ich eingequetscht zwischen zwei Damen. Übel. Beine nicht strecken, keine Armfreiheit, Dauerdialog. Na ja, dachte ich zuerst. Aber den Beiden zuzuhören, der Hammer!

Es handelte sich offenbar um Schwestern, beide im Rentenalter.

Sagte die Eine: „Gestern habe ich Erika gesehen!“

Die Andere: „Welche Erika?“

„Na, welche wohl?“

„Ja, welche wohl?“

„Stell dich nicht so an, die Erika!“

„Welche Erika? Die aus Zürich?“

[Verdreht die Augen] „Nein, die Erika! Die Deutsche!“

„Die Rothaarige?“

„Neeeiiin …!“

„Ach so, jetzt weiß ich welche! Die, die gern wandert!“

„Ja, sag ich doch, dass du sie kennst!“

„Ja, die kenn ich. Aber ihr Mann ist doch der, der gerne wandert?“

„Nein, ihr Mann schaut gerne Fußball!“

„Aber wandern tut er auch, lieber als sie!“

„Nein, wenn er gerne Fußball schaut, hat er keine Zeit zum Wandern …“

„Hmm …“

Stille für 10 Minuten.

„Am Sonntag machen wir einen Ausflug!“

„Wer?“

„Ich und Erika!“

„Wo geht ihr hin?“

„Wandern, kommt auf’s Wetter an …“

„Welche Erika?“