Leselust oder Lesefrust? Die Ästhetik der Bücherregalogie

von Alina Becker

Die skurrilen Umstände bringen es mit sich, dass im Moment eine Menge Leute sehr viel Zeit haben, was sich in zahlreichen Ratgeberbeiträgen (ob im Fernsehen, in Zeitungen, als Blogbeiträge oder vollkommen ungewollt in Kettenbriefform über Muttis unzählige Whatsapp-Kontakte) niederschlägt. Nachdem ich sämtliche Ratschläge zur achtsamen und produktiven Nutzung der coronabedingten Isolationszeit umgesetzt, also den Frühjahrsputz hinter mich gebracht, eine dreistellige Anzahl Atemmasken genäht, eine neue Sprache gelernt, meinen Bikinibody perfektioniert, meinen Erstlingsroman vollendet und mich quer durch den Bocuse gekocht hatte, wurde es wieder Zeit für ein bisschen Realismus und Entspannung mit Youtube.

Entspannung? Wer hofft, beim hemmungslosen Passiv-Youtuben abschalten zu können, ohne ständig mit unterschwelligen Erinnerungen an seine eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert zu werden: Pustekuchen. Nach stundenlangem wildem Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Videos landete ich auf einem Clip, in dem ein nicht nennenswerter Influencer über ein nicht nennenswertes Thema schwadronierte – und zwar vor einem Bücherregal (IKEA, weiß, vermutlich Billy), das durch atemberaubende Ordnung, ja, man könnte fast sagen: Schönheit bestach. Ich brauchte eine Weile, bis mir klar wurde, was diesen (sicherlich ganz zufällig gewählten) Bücherhintergrund ausmachte: Der Hipster hatte seine Bücher nach Farben sortiert!

Nicht, dass mir dieses Prinzip zum ersten Mal untergekommen wäre. Allerdings hatte ich es immer für einen sinn- und verstandlosen Trend gehalten, eine absonderliche Strömung, quasi der bücherregalwissenschaftliche Dadaismus. Nicht umsonst haben studierte Bücherregalogen jahrhundertelang getüftelt, um bücherregalogische Sortiersysteme zu entwerfen, die, wie es der Name schon sagt, einer logischen Linie folgen. Und dann kommen ein paar YouTube-Hipster daher und bringen eine neue Konstante in das seit Gutenbergs Zeiten unverändert nüchterne Konzept des Büchersortierens ein: Ästhetik. Seither wird die traditionelle und konservative Riege der Bücherregalogen vor allem von einer Frage aufgerieben: Welches Gewicht darf beim Büchersortieren auf den dekorativen Aspekt der Buchanordnung gelegt werden?

Ich selbst habe mich bisher strikt an die ungeschriebenen Regeln der Bücherregalogie nach Prof. Dr. Sortirius Libri gehalten, die unter anderem besagen, dass „Bücher eines Autors nicht zu trennen [seien], es sei denn, der Schreibende widme sich nicht bloß einer Gattung.“ (Libri, Sortirius: Neurosen eines Bibliophilen. Grundlagen und Methoden der Buchordnung. Faulebutter 1783, 37. Auflage. S. 179f.)

Momentan besitze ich (platzbedingt) ein Hauptbücherregal, in dem sich in drei Reihen hintereinander meine Lieblingsbücher und alles Ungelesene stapeln. Dazu kommen Sachbücher und Magazine sowie Fachliteratur aus dem Studium in separaten Regalen. Alle anderen Bücher stauben auf dem Dachboden meiner Eltern vor sich hin.

Das Bücherregal nach Prof. Dr. Sortirius Libris Grundlagen geordnet.

Innerhalb der Belletristik verfahre ich nach den (für mich und Prof. Libri) einzig logischen Ordnungsprinzipien: Zuerst sortiere ich meine Bücher nach Sprachen. Die obersten beiden Fächer sind für fremdsprachige Bücher reserviert, darunter ein Großteil Klassiker, viele in ähnlichen Ausgaben. Der Praxis halber stehen diese Reihen nebeneinander, wenn noch mehr Bücher hinzukommen, lässt sich auf den gleichgroßen Büchern hervorragend hoch stapeln (nicht hochstapeln!). Innerhalb der Klassikerreihen stehen mehrere Werke eines Autors zusammen, diese wiederum sind alphabetisch geordnet. Somit erwecken die oberen Reihen meines Bücherregals tatsächlich einen einigermaßen ordentlichen Eindruck.

Bei den deutschsprachigen Büchern erfolgt die Einteilung zuerst nach Genre. Hier auf dem Bild in erster Reihe zu sehen: Hauptsächlich Fantasy- und Gesellschaftsromane – aber auch breite Bücher gleicher Höhe, auf denen es sich, wie sollte es anders sein, stapeln lässt. In zweiter und dritter Reihe nicht zu sehen: historische Romane, Krimis, Komödien und Unterhaltungsromane, sowie deutschsprachige Klassiker. Unten links: Comics. Ein schlichtes System, das es mir ermöglicht, jedes Buch schnell zu finden. Ich bin daran gewöhnt; so lange ich denken kann, sortiere ich meine Bücher nach diesem Prinzip. (Die Rubrik Pferdebücher spielt heute keine Rolle mehr.)

Beim Anblick des farblichen Wunderwerks der Buchsortierung im Video dieses YouTube-Hipsters kam mir meine heiß geliebte Bücherordnung plötzlich fade, willkürlich und vor allem schlampig und unsortiert vor. Und da Zeit momentan im Gegensatz zu anderen Waren des täglichen Bedarfs in Hülle und Fülle vorhanden ist, dachte ich mir: Warum nicht die Gelegenheit nutzen und mal etwas Neues ausprobieren? (Bücherregaloptimierung kann man mit viel Wohlwollen auch zur Selbstoptimierung zählen.) Mein Entschluss stand fest: Ich würde aus meinem Bücherregal einen schillernden Regenbogen zaubern!

Eine kurze Onlinerecherche setzte mich darüber in Kenntnis, dass es für diese Art des farblich strukturierten Bücherregals sogar einen eigenen Begriff gibt: „Rainbow Shelf“. Gut. Klingt irgendwie hipsteriger als Regenbogenregal. Könnte allerdings auch für die Sammlung eines Liebhabers von Queer Literature stehen. Ich machte mich jedenfalls voller Feuereifer ans Werk und räumte zunächst die erste Reihe meines Bücherregals aus. Danach fuhr ich damit fort, diese ausgeräumten Bücher farblich sortiert auf dem Fußboden zu stapeln, wobei ich gleich Folgendes feststellen musste:

  1. Ich habe sehr viele Bücher mit schwarzem Buchrücken.
  2. Ich habe ebenso viele Bücher mit weißem Buchrücken.
  3. Ich habe noch mehr gelbe Bücher.
  4. Ich habe sehr wenige grüne Bücher.

Die einzige Lösung für das Problem sah ich darin, Bücher aus der ersten Reihe in den Hintergrund zu verbannen und Bücher von hinten nach vorn zu holen. Dass diese das gar nicht begrüßten und sich mit Einbänden und Gänsefüßchen dagegen wehrten, sich in einen hübschen Farbverlauf pressen zu lassen – geschenkt. Mit sanfter Gewalt und den routinierten Tetris-Fähigkeiten eines Kindes der Neunziger bekommt man auch den sperrigsten Band von der letzten Bank in die ihm zustehende Lücke gepresst. Dass die Bücher der ersten Reihe nicht immer in die dadurch entstehenden Lücken in den hinteren Reihen passten – nun, das war weniger erfreulich. Um möglichst schnell ein optisches Ergebnis zu erzielen, löste ich das Problem erst einmal pragmatisch und stapelte die übrig gebliebenen Bücher in einer Zimmerecke.

Nach zwei Stunden des Sortierens und Umräumens sah das Ergebnis so aus:

Der literarische Goldtopf am Ende des Bücherregalregenbogens?

Ein Regenbogen wie er im Buche steht. Der Setting-Traum eines jeden Youtubers. Der Christopher Street Day unter den Bücherregalen. Prof. Libris schlimmster Albtraum. Und was empfand ich bei dem Anblick?

Immer der Reihe nach. Zuerst die positiven Aspekte: Optisch machte mein Bücherregal wirklich mehr her als zuvor. Kein wildes Durcheinander der Farben mehr, sondern ein ordentlicher Farbverlauf von Schwarz über Rottöne, Orange, Gelb, Grün und Blau bis hin zu Violett. Das alles gekrönt von einer literarischen weißen Wolke. Wie ein unberührtes Paket Buntstifte. Es wirkte aufgeräumt.

Außerdem musste ich feststellen, dass ich grundsätzlich nicht viel länger brauchte, um meine Bücher wiederzufinden, weil ich anscheinend doch weiß, wie die Buchrücken aussehen und in welchem Teil des Farbspektrums ich suchen muss. Eine ergreifende Erkenntnis, gemessen an der Tatsache, dass ich kein visuell geprägter Mensch bin und mir Bücher nur selten nach Optik zulege. (Ich weiß gut gestaltete Umschläge, eine angenehme Haptik und Gimmicks wie Lesebändchen oder besondere Prägungen durchaus zu schätzen – aber das ist wieder ein anderes Thema.) Wenn die Langeweile wieder zu groß werden sollte, bleibt jetzt nur noch zu klären, ob ich meine Bücher auch mit verbundenen Augen am Klang des Umblätterns unterscheiden kann.

Ein Regenbogen ohne Licht wäre aber kein Regenbogen, und wo Licht ist, ist auch Schatten. Deswegen begann ich, als die erste Begeisterung verflogen war, mir einige Regalreihen genauer anzusehen. Da drängelten sich plötzlich deutsche, englische, schwedische und französische Bücher, Belletristik, Lyrik und Sachbücher, Klassiker und Comics in einer Reihe. Um genügend blaue Bücher zusammenzukratzen, hatte ich sogar zwei Duden-Ausgaben von meinem Schreibtisch ins Regal umziehen lassen müssen, die nun quer auf Gesellschaftsromanen, ChickLit und Fantasywälzern ruhten. Mein innerer Neurotiker rebellierte.

All das wäre aber vielleicht erträglich gewesen, hätte ich nicht ganze Reihen auseinanderreißen müssen – ein klarer Verstoß gegen Prof. Libris oberstes Gesetz, das da lautet: „Ein Schuft, der Reihen teilt, der werde auf ein Rad geflochten und gleichermaßen viergeteilt.“ (Libri, S. 211.) Eine zugegebenermaßen grausame Forderung, die heutzutage kaum Anwendung finden dürfte, aber in etwa die Schmerzen beschreibt, die ich empfand, als ich sah, wie sich rote Reclam-Heftchen mit ebenso roten Lustigen Taschenbüchern abwechselten – ein gewagtes literarisches Potpourri, das mich vielleicht entzücken würde, hätte ich es bei jemand anderem entdeckt. Doch bei diesem Anblick empfand ich ein eigentümliches Mitleid mit meinen Büchern, die ich so grausam aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen hatte. Mir schien, als riefe der Gefangene von Askaban (blau) ganz leise wimmernd nach dem Feuerkelch (braunrot). Als könne sich 1Q84 Teil 3 (grün) nicht erklären, wohin Teil 1 und 2 (silbergrau) verschwunden waren, und als frage sich das Graveyard Book, warum es ausgerechnet durch einen kulinarischen Disney-Comic von In Memoriam getrennt wurde.

Mir blutete das Herz. War ich etwa zu oberflächlich an die ganze Umsortierung herangegangen? Hatte ich geglaubt, dass sich meine Bücher widerstandslos umsiedeln lassen würden? Oder anders formuliert: Was würde ich selbst dazu sagen, wenn ich mich von nun an nur noch mit kleinen, blassen, bebrillten und brünetten Menschen abgeben dürfte, egal, ob ich sie ausstehen kann oder nicht? Lange hielt ich den stillen Vorwurf meiner Bücher nicht aus – ich räumte wieder alle aus dem Regal und brachte es in seinen Urzustand zurück.

Was mir das Experiment gebracht hat? Zunächst die Erkenntnis, dass ein sortiertes Bücherregal zwar schön anzusehen ist, aber nicht zweckmäßig für ein winziges Regal, in dem jeder freie Kubikzentimeter ausgenutzt werden muss. Und ich kann, Regenbogen hin oder her, nicht über meinen (oder Prof. Libris) Reihen-Fimmel-Schatten springen. Was zusammengehört, das bleibt auch zusammen.

Allerdings muss ich zugeben, dass es Spaß gemacht hat, „mal etwas anderes auszuprobieren.“ Wie bei einer neuen Frisur oder beim Ausmisten des Kleiderschranks. Auch einem Bücherregal kann eine Typveränderung guttun – und sei es nur, um zu erkennen, dass der alte Typ doch ganz in Ordnung war. Also falls ihr im Moment nicht wisst, was ihr mit eurer Zeit anfangen sollt, wenn die üblichen Osterfestivitäten ausfallen, das allfrühjährliche Großreinemachen ohnehin ansteht oder auch ihr die Dogmen der Bücherregalogie auf die Probe stellen wollt: Wie wäre es denn mal mit einem Makeover für eure Bibliothek?

Ansonsten kommt gesund durchs Frühjahr – und frohe Feiertage!


Alina Beckers Blog: Alina schreibt

Alina Becker auf KeinVerlag.de: Skala

Ein Gedanke zu „Leselust oder Lesefrust? Die Ästhetik der Bücherregalogie

  1. I.J. Melodia

    Liebe Alina,

    du sprichst ein Thema an, das vermutlich bereits für diverse verbale Kampfhandlungen verantwortlich war. Besonders, wenn die Meinung von Bibliophilen (wie meiner einer) auf die von – nennen wir sie mal vorsichtig – Spiegel-Bestsellerliste-Krimi-Leser trifft. Und ja, die Vermutung ist korrekt: Ich besitze eine handsignierte Originalausgabe von Herrn Libirs Meisterwerk.

    Dennoch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Frage nach einem Sortiersystem für die Bücher viele Menschen beschäftigt. Zum Beispiel nach einem Umzug. Die momentane Situation kann ebenfalls diesen Wunsch hervorbringen. Ich würde die Zeit zwar eher mit dem Lesen an sich verbringen, aber gut.

    Einige Personen werden vermutlich an eine alphabetische Sortierung gedacht bzw. diese gar umgesetzt haben. Egal ob nach Vor-, Nachname des/der Autors/Autorin, oder eventuell nach Titel(!).
    Meine Frage: Was passiert, wenn neue Werke dazu kommen? Nehmen wir an ein Buch von Herrn F. sowie eine Novelle von Frau R. sollen ins Regal integriert werden. Alle aufrücken, rausholen, umstellen? Erneut umziehen? Alkohol?
    Dasselbe Problem gibt es bei einer chronologischen Sortierung, sprich nach Erscheinungsjahr. Und ja, das gibt es ebenfalls!

    Nach Genre (und dann nach Autor) ist und bleibt die einzig richtige Methode! Ein fließendes Farbenmeer mag durchaus ästhetisch aussehen. Aber wie, zum Bücherwurm, soll man in diesem Klecks Einhornerbrochenem etwas finden? Vorausgesetzt man besitzt überhaupt genug diverse Farbeinbände, wie du bereits erwähnt hast.

    Ich muss jedoch zugeben, dass ich neben Herrn Libris Grundlagenwerk, ebenfalls eine Methode aus dem alten China von Meister Kon Fusion beherzige bzw. beide Ansätze kombiniere: Ordnung im eigenen kleinen Bücherregal (ergo die grauen Zellen) ist wichtiger und das Buch ist das Ziel.
    Der Weg kann also durchaus mal über eine 2. und 3. Reihe oder einem Stapel gehen. Zugegeben, meist liegt es am akuten Platzmangel.

    Zu viele Bücher für zu wenig Platz. Muss doch auch wieder umziehen.

    Liebe Grüße,
    I.J. Melodia

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