Leselust/Lesefrust? Tagebuch eines anonymen Staplers

von Jan Hemmerich

Leselust/ Lesefrust, oder: Tagebuch eines anonymen Staplers

Bücher verursachen gelegentlich Stress. Insbesondere, wenn sie ungelesen sind.

Ungelesene Bücher sind Rudeltiere. Zumindest bei mir stapeln sie sich auf allen möglichen, freien Flächen und werden nicht weniger. Sie stapeln sich meistens nicht in dunklen Ecken, wo man sowieso nie hinschaut, sondern sind ganz präsent: auf dem Nachttisch zum Beispiel.

Der letzte Blick vorm Einschlafen macht einem also direkt bewusst: Du lässt nach! Wann willst Du das bitte alles lesen? Stress.

Morgens, wenn der Lesestapel in das goldene Licht des neuen Tages getaucht ist und irgendwie weniger furchteinflößend aussieht, flackert kurz Euphorie auf:

Heute! Heute wird mal direkt ein Buch beendet und ein neues mindestens bis zur Hälfte gelesen.

Beim Frühstück ist es dann unpassend, da will man zwar lesen, aber auch keine Marmelade auf die Buchseiten schmieren. Und sowieso: Lieber sich auf eine Sache voll und ganz konzentrieren. Der Weg zur Arbeit bietet sich zwar an, aber ein Buch beschwert den Rucksack doch empfindlich und eigentlich ist es im Zug auch viel zu laut.

Bei der Arbeit: Perfekt! Die Kollegin am Schreibtisch nebenan wird nur schnell misstrauisch. „Liest Du etwa?“ „Ja, ist Fachlektüre.“ „Wann schrieb Raymond Chandler über die Werbebranche?“ „…“

Später dann schnell in die Stadt. Thalia hat wieder auf und die Mängelexemplare vorne laden zum Rumkruscheln ein. Ach, eine Biografie von Bernd Eichinger. Mal mitnehmen, was solls. Die landet dann später ganz oben auf dem Ungelesen-Stapel.

Zuhause dann endlich: Lesezeit. Direkt aufs Sofa, jetzt wird „Krieg und Frieden“ begonnen, das ist regelrecht verstaubt. Die erste Seite ist geschafft, das klingt doch alles vielversprechend, das- mensch, plötzlich ganz müde. Ist ja eh schon spät. Na, morgen dann aber!

Das ist er, der Teufelskreis der anonymen Lesestapler. In Fachkreisen genannt: Liber-Prokrastinae, der. Den gemeinen Stapler erkennt man an folgenden Verhaltensweisen:

Er kommt selten ohne ein neues Buch vom Einkaufen zurück, wobei das Verhältnis gelesener zu ungelesenen Büchern etwa bei 50:2000 liegt.

Er macht öfters Aussagen wie „morgen werde ich dann aber wirklich…“ oder „am Wochenende- ganz bestimmt!“

Erhöhte Pulsfrequenz bis leichter Schweißausbruch beim Anblick von gestapelten Büchern

Der größte Fehler ist es, den Betroffenen Ratschläge wie „da braucht es einfach mehr Disziplin“ zu geben. Denn das verursacht nur noch mehr Stress.

Was man einem Stapler zurufen muss, ist stattdessen: „Relax! Take it easy!“

Das Problem ist nämlich nicht der Leser, sondern oftmals das Buch.

Für mich gibt es zwei Arten von Büchern: Die, die mich sofort abholen, die ich in einem Zug durchlesen könnte und mag. Und die, die sich eher zäh gestalten. Bei denen man sich bis zum Ende durchbeißen muss.

Aber ich möchte jedes Buch, das ich angefangen habe, auch komplett lesen. Ausnahmen gibt es, aber da muss es mir schon sehr missfallen.

Also quält man sich so durch. Man liest nicht so viele Seiten, legt es wieder weg. Zwischenzeitlich fängt man ein zweites Buch an, liest parallel. Und ein Drittes. Eines ist dabei, dass das man mit Freude liest, das geht schnell. Und die anderen gehen nur häppchenweise weg, stapeln sich. Und dann, der Schock: Man ist ein Stapler.

Anti-Stapel-Bücher sind bei mir solche, deren Protagonisten mich ansprechen. Ich muss mich nicht vollständig mit ihnen identifizieren, aber zumindest sollte der Charakter so geformt sein, dass ich als Leser mit meinen Sehnsüchten und Idealen abgeholt werde.

Ein gutes Beispiel sind für mich die Romane von Richard Russo. „Ein Mann der Tat“ ist mit 688 Seiten ein ziemlicher Wälzer. Und die Handlung findet wesentlich im beschränkten Raum einer amerikanischen Kleinstadt statt. Beides sind Punkte auf der Stapelseite. Und doch: Jeder Protagonist ist so vielschichtig gestaltet, dass man mitfühlt, nachvollzieht und vor allem das Buch nicht weglegen möchte.

Jedes Buch hat seinen individuellen Sound und der muss eben mit dem Leser matchen. Alles subjektiv.

Was ist also die Präventivmaßnahme gegen unkontrolliertes Stapeln? Wird es schlimm enden, wie Karl Lagerfeld einst prophezeite: „Wer stapelt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Nein.

Ich habe für mich entschieden, dass eben nicht jedes Buch zu Ende gelesen werden muss. Und dass es in Ordnung ist, wenn ein Buch mal länger liegt.

Mich tröstet der Gedanke, dass für manche Bücher einfach noch nicht die richtige Zeit ist. Die kommt sicher, irgendwann. Also erstmal zur Seite legen und aufheben. Abschließend noch ein Tipp für echte Profis: zwei Stapel.

Einen ganz unten im Schrank oder in der dunklen Ecke. Da kommen die „jetzt noch nicht“-Bücher hin. Und einen am Nachttisch, der nur für die „lese ich gerade wirklich“-Bücher reserviert ist. Böse Zungen behaupten, man könne Bücher aussortieren, an der Straße aussetzen und mit einem „zum Mitnehmen“-Schild versehen. Aber das kommt nicht in Frage. Je mehr Bücher, desto besser.

Eine Wohnung ohne Stapel wäre am Ende doch zu nackt.


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