Archiv der Kategorie: Prosa

Urs Jenni – Staubsauger

Als dynamischer Einzelhandelsunternehmer ist man immer auf der Suche nach
unerfüllten Kundenwünschen. Und so kam es, dass ich in meinem Dorfladen eine
Kundenumfrage startete und ich von meinen Kunden wissen wollte, was ihnen in
meinem Sortiment fehle.

Nach zwei Wochen begann ich mit der Auswertung der erhobenen Daten. Das
Resultat war ernüchternd: 80% der Produkte, welche von den Kunden vermisst
wurden (ihr dürft raten!), gibt es bereits in unserem Geschäft. Vielleicht nur im 300
g Glas und nicht im 350 g, aber dennoch: Erdbeerkonfitüre gibt es hier zu kaufen!

Die restlichen 20% der vermissten Artikel waren Staubsauger! Dass ich da nicht
schon früher darauf gekommen bin!

Umgehend machte ich mich auf die Suche nach geeigneten Produkten.

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Constanze Thum – Tilde fünf oder: warum Überfälle auf Kleintransporter schlecht sind

„Den besten Sex meines Lebens hatte ich mit mir selber und einer Shampooflasche“, erklärt sie mir.
„Ich wollte eigentlich nur wissen, ob du noch einen Cuba Libre möchtest“, sage ich.
„In der Dusche“, fährt sie unbeirrt fort, „das war dann auch mein erster Orgasmus. Das nennt sich feministische Emanzipation, weißt du? Das ist wahre Freiheit.“
„Cool“, sage ich, „aber ich muss dann auch so langsam. Ich muss noch ein bisschen was machen.“
„Ich auch,“ sagt der Mann am Nebentisch und fängt an zu weinen. Vor ihm stapeln sich Ordner. Sein Laptop ist gerade ausgegangen.
„Hier“, sage ich und händige ihm meine Powerbank. Er starrt mich fassungslos an.
„Hast du dein Leben so sehr im Griff, dass deine Powerbank immer geladen ist?“, fragt er.
Ich zucke mit den Schultern und gehe.

Draußen regnet es. Wieder rein gehen will ich aber nicht mehr, da reden die Leute entweder über Sex oder Arbeit und das ist nicht so mein Thema.
Glück ist wie eine streunende Katze, überlege ich vor mich hin. Manchmal sucht sie dich auf, manchmal wirst du ignoriert. Heute Nacht werde ich definitiv ignoriert.
Am Waldrand meine ich einen Fuchs gesehen zu haben. Wie süß der mit seinem Hut aussieht, denke ich noch so bei mir, versenke die Hände in den Manteltaschen und laufe mit gesenktem Kopf und hochgestelltem Kragen durch den nächtlichen Regen. So macht man das nämlich, schreibt das Gesetz der guten Literatur vor.
Intimschatulle, nur Graustufen:
Am Hafen hat’s Sturmböen von 70 km/h.
Ein Schiff hier heißt Randolph Carter. Bin kurz amüsiert.
Seeadler gesehen.

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Kirsten Lehner-German – Phantasie

Als sie sich traut, ihre Augen endlich zu öffnen, glaubt sie, wieder zu träumen:
Direkt nach dem Tunnelausgang, im hell glitzernden Morgenlicht, von leichtem Nebel
untermalt, steht eine riesige Amphore. Trotz ihrer starken Neigung fällt sie nicht zu
Boden – und aus ihrer meterweiten Öffnung sprudeln alle Farben, die Djarah jemals
gesehen hat. Es ist ein Fluss üppiger Farben, ein selbständig bewegtes Formgefüge.
Die reife Frau nähert sich vorsichtig und schaut genauer hin. Alles wirkt lebendig,
eigene Formen bilden sich stetig neu und vor ihr eröffnet sich eine ungeahnte Welt.

Das hätte sie sich nicht mal im kühnsten Traum vorstellen können – trotz ihrer
immensen Phantasie! Unfassbar, solche Vielfalt, Aktivität und dieses stete und
lautlose Gebären!

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Constanze Thum – Die komischen Wege

Mein Vater fragt mich: wie sind denn deine Pläne, wegen Teistungen jetzt?
Das Grenzlandmuseum Teistungen sucht ’nen Kurator. Ein Job, den ich machen kann.
Ich fahr vorbei an Schäfchenwolken, Wäldern und wilder Landschaft, nur dann und wann durchbrochen von Feldern. Dörfer, in denen der Handyempfang schlecht ist, schmiegen sich an dunkelgrüne Hügel.

Meine Professorin sagte mir: das Eichsfeld ist der Landstrich mit den meisten Wallfahrten im Jahr. Europaweit. Bayern und Katalonien gucken blöd aus der Wäsche.
Wenn ich hier bin, denke ich oft über Heimat nach. Meine Schulfreunde ziehen alle hier her zurück, bauen Häuser, kriegen Kinder, haben das Eichsfeld im Blut, heiraten, zur Hochzeit gibt’s Stracke und Gehacktes, selbstgeschlachtet – das muss schon sein.
Ich bin hier geboren. Meine Eltern nicht. Die sind eingewandert – das macht sonst keiner. Nur Eichsfelder ziehen ins Eichsfeld, wenn sie mal weg waren, gehen aber meistens gar nicht erst fort, seit Generationen nicht. Das Nachbarsdorf ist hier manchmal schon zu weit weg. Deshalb haben alle ihre eigene Kirmes.

Wenn ich meine Eltern besuche, sage ich, ich fahre nach Hause. Ich sage das aber auch, wenn ich zurück in meine eigene Wohnung fahre. Vielleicht steckt nichts dahinter, vielleicht ist auch einfach beides „zu Hause“. Heimat ist da, wo die Katze auf dich wartet. Oder wo der Schlüssel nach zehn Jahren immer noch in die Haustür passt.

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