Constanze Thum – Die komischen Wege

Mein Vater fragt mich: wie sind denn deine Pläne, wegen Teistungen jetzt?
Das Grenzlandmuseum Teistungen sucht ’nen Kurator. Ein Job, den ich machen kann.
Ich fahr vorbei an Schäfchenwolken, Wäldern und wilder Landschaft, nur dann und wann durchbrochen von Feldern. Dörfer, in denen der Handyempfang schlecht ist, schmiegen sich an dunkelgrüne Hügel.

Meine Professorin sagte mir: das Eichsfeld ist der Landstrich mit den meisten Wallfahrten im Jahr. Europaweit. Bayern und Katalonien gucken blöd aus der Wäsche.
Wenn ich hier bin, denke ich oft über Heimat nach. Meine Schulfreunde ziehen alle hier her zurück, bauen Häuser, kriegen Kinder, haben das Eichsfeld im Blut, heiraten, zur Hochzeit gibt’s Stracke und Gehacktes, selbstgeschlachtet – das muss schon sein.
Ich bin hier geboren. Meine Eltern nicht. Die sind eingewandert – das macht sonst keiner. Nur Eichsfelder ziehen ins Eichsfeld, wenn sie mal weg waren, gehen aber meistens gar nicht erst fort, seit Generationen nicht. Das Nachbarsdorf ist hier manchmal schon zu weit weg. Deshalb haben alle ihre eigene Kirmes.

Wenn ich meine Eltern besuche, sage ich, ich fahre nach Hause. Ich sage das aber auch, wenn ich zurück in meine eigene Wohnung fahre. Vielleicht steckt nichts dahinter, vielleicht ist auch einfach beides „zu Hause“. Heimat ist da, wo die Katze auf dich wartet. Oder wo der Schlüssel nach zehn Jahren immer noch in die Haustür passt.

Vom Zug aus sehe ich Holundersträucher und einen einsamen LKW auf der Landstraße. Ein Bahnwärterhäuschen verwittert, verriegelt. Erfordia Ultra wurde mit roter Farbe an einen Stromkasten geschmiert.

„Gott geht manchmal komische Wege“, hat gestern die Mutter einer Freundin zu mir gesagt. An Gott glaube ich nicht, an komische Wege sehr wohl.
Ich hab drüber nachgedacht. Grenzlandmuseum Teistungen, wieder bei den Eltern unter’m Dach wohnen? Herrje. Drei Tage die Woche vielleicht.
Ich hab in mich gehorcht. Stand im Feld und lauschte. Ich höre den Ruf nicht. Es zieht mich nicht zurück.

Ich will kein Haus bauen, Kinder kriegen schon gar nicht, kann Kinder nicht mal leiden.
Vielleicht sind’s die Einwandergene meiner Eltern, vielleicht bin ich Eichsfelder nur auf dem Papier, nur auf der Geburtsurkunde.
Ich bin nie in die Kirche gegangen.
Wenn Kirmes war, gehörte ich zu den drei Personen, die am nächsten Tag trotzdem in die Schule gegangen sind. Mit Restalkohol im Blut, der Biolehrer hat uns Kaffee spendiert.
Die alten Freundinnen sehe ich einmal im Jahr. Oder gar nicht. Meistens höre ich nur durch meine Mutter von ihnen:
„Wusstest du, dass Anne jetzt ein Kind hat?“ – „Ach.“ – „Ja ja. Und Marcella hat eine kleine Erna gekriegt.“ – „So?“

Ich kann da nicht mitreden. Will ich auch gar nicht. Früher waren wir unzertrennlich, waren Punk, waren Rebellen, konnten Lord of the Weed auswendig (können wir – zugegeben – immer noch), wir wollten in die Welt, waren auch in der Welt, auch wenn das Geld manchmal nur bist an die Ostsee gereicht hat.

Weißt du noch, wie du zu mir sagtest: „Ich bin mit Basti nur noch zusammen, weil er irgendwie zum Inventar gehört. Wenn ich einen Job außerhalb kriege, dann suche ich mir wen Neues“?
Basti ist jetzt der Vater deiner Tochter. Ihr habt ein Haus gebaut. Du hast einen Job außerhalb, fährst jeden Morgen mit dem Auto dahin. Ich frage mich, ob ich zu eurer Hochzeit eingeladen werde.
Ich würde ’ne Stracke mitbringen.


Mehr von Constanze Thum findet ihr auf ihrem KeinVerlag-Profil: Judas oder hier: C.M. Thum.

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