Der Kühlschrank: Eine Beziehung der besonderen Art

keinejugend.de

von Alina Becker

Dieser Text könnte Teil des  Projekts „Thementag / Kühlschrank“ sein, wäre die Autorin nicht der Ansicht, es sei einmal wieder höchste Zeit für einen neuen Jugendkolumnentext.

Nun ist „Kühlschrank“ wahrscheinlich nicht das erste Wort, das einem im Zusammenhang mit „Jugend“ in den Sinn kommt. Wenn ich ehrlich bin, war die Beziehung zwischen mir und dem Kühlschrank meiner Eltern während meiner Adoleszenz eher unterkühlt. Ab und an entwendete ich ihm einen Joghurt oder Aufschnitt für mein Brot, und neun von zehn Mal ärgerte ich mich beim Öffnen darüber, dass unsere von Hobbits bewohnte Wohnung eher für einen Riesenclan designt schien, sprich: meistens fiel mir irgendein Milcherzeugnis, Glas und zweimal ein kompletter Eierkarton aus zwei Metern Höhe entgegen. Abgesehen von diesen kleinen Freuden und großen Ärgernissen, die ein zwar passend ein- aber viel zu hoch aufgestellter Kühlschrank mit sich bringt, hatte ich mit dem Ding nicht viel am Hut, zumal viele gekühlte Lebensmittel bei uns im Keller lagerten, was zwar für viele entnervte Seufzer seitens meiner Schwester und mir führte, aber zu weniger Blicken in den Kühlschrank, als es einem unzählige Stereotype bezüglich Post-Trennungs-Fresserei, hormonbedingten Gelüsten, primär männlichem Bierkonsum und primär weiblichem Schokoladengenuss gern weismachen.

Irgendwann, dann, ging unser Kühlschrank, also der meiner Eltern, kaputt, und sie brauchten einen neuen. Der neue hatte eine dickere Innenwand als der alte, und als meine Mutter nach dem üblichen Wocheneinkauf versuchte, die Lebensmittel zu verstauen, war auf einmal nicht mehr genug Platz. Nach dem ganzen Stress, von wegen neuen Kühlschrank bestellen, alter Kühlschrank raus, neuer Kühlschrank rein, scheiße, alles aufgetaut, war sie mit den Nerven so am Ende, dass sie einfach nur noch anfing zu heulen, ein seltener Anblick. Ich habe sie dann ins Wohnzimmer bugsiert und mich meinerseits im Kühlschrank-Tetris versucht. Das war dann mein erster Kontakt mit den Mühen, die ein Kühlschrank neben all den Freuden und Genüssen so mit sich bringt.

Nun wohne ich seit vier Jahren nicht mehr bei meinen Eltern, und die erste eigene Wohnung bringt in den meisten Fällen auch den ersten eigenen Kühlschrank mit sich. In meinem Fall der alte Kühlschrank meiner Vormieterinnen. Meine Mitbewohnerin und ich teilten uns die Kosten, vierzig Euro pro Nase, ein Schnäppchen in meinen Augen, unser Hausmeister zeigte mir dafür einen Vogel. Aber immerhin – ein eigener Kühlschrank, etwas kleiner, als unser Familienkühlschrank, auf dem Boden stehend, sogar mit kleinem Gefrierfach, und, welch Freude, von meinen Vormieterinnen ohne Enteisung vom Strom abgezogen.

Mit anderen Worten: In dem Ding stand eine zentimeterhohe Suppe, die nach drei Monate toter Omma stank. (Und war damit in etwa so versifft, wie der Rest der Wohnung, die unsere reizenden Vormieterinnen in den letzten Tagen noch erfolgreich in ein eigenes Biotop verwandelt hatten.)

Gut. Putzen mussten wir ohnehin. Einen ganzen Tag lang, zu vier Personen, 32m². Meine Mutter im Bad, ich mit besserer Hälfte in der Küche und mein Vater im Schlafzimmer, wo er fluchend die Pattex-Reste von der Wand friemelte, die meine intelligenten Vormieterinnen zum Stopfen der Dübellöcher benutzt hatten. (Tür auf, Vater rein, Tür zu war die einfachste Lösung für das Schlafzimmer gewesen.)

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Wickelräume und Payback

Kartevon Andreas Hempler

Es ist seltsam oder auch nicht so sehr, dass man auf Herrentoiletten keine Wickelräume findet, keinen Behälter für Hygienepapier, dafür aber Kondomautomaten, die man im Gegensatz zu den beiden ersteren Dingen auf Damentoiletten selten bis nie installiert hat. Seltsam, aber aus diesen drei Beobachtungen lässt sich seriöserweise kein Weltbild ableiten und schließlich formulieren am Schluss; – und im Grunde genommen sind diese Erfahrungen kein erschöpfendes Thema für eine Kolumne, jedenfalls nicht für diese.

Diese Feststellungen waren Thema eines Mailwechsels, den ich vor Jahren einmal führte, ich habe mich daran erinnert, als ich heute ein Buch namens „Payback“ bei einem Freund im Bücherschrank entdeckte, – ein Lamento über das Kommunikationszeitalter, um den Inhalt kurz zusammenzufassen. Alles ist so schnell, so viel, so unübersichtlich, so oberflächlich geworden, so laut. Keine neue Erkenntnis also, dass das Internet, beispielsweise, kein geeignetes Medium für die Müden und Langsamen ist, jedenfalls nicht, um über dieses zu kommunizieren. Diesen eher apollinischen Charakteren empfiehlt es sich, zur Weitergabe ihrer Erkenntnisse und so Briefe zu schreiben und Münztelefone zu benutzen.

So, wie wir das früher gemacht haben, als es noch keine Handys gab, keinen Festnetzanschluss in jedem Haushalt und Internet überhaupt nicht. Diese Zustände waren überhaupt kein Problem für Zeitgenossen, die keinen großen Freundes- oder Bekanntenkreis hatten, oder die diesen im überschaubaren Rahmen pflegten, der auch zu Fuß zu durchqueren war, – ich selbst erinnere mich mit Grauen an Abende, die ich auf der Suche nach einer intakten Telefonzelle verschleudern musste, um eine Verabredung zu treffen oder so, und hatte man eine gefunden, so war das Scheißding besetzt oder das eigene Kleingeld reichte nicht, der andere Teilnehmer nicht zu erreichen, – Sie erinnern sich da vielleicht selbst. Heute benutze ich meinen Festnetzanschluss mit AB, mein Handy, schreibe Mails, an der technischen Möglichkeit zu kommunizieren scheitern Beziehungen zu Menschen, die ähnlichen Wert auf Erreichbarkeit legen, bei mir nicht mehr.

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Mit Muttern auf Messe – ein völlig subjektiver Bericht eines Buchmessengreenhorns

keinejugend.devon Alina Becker

18. März 2016

5.30 Uhr:

Der Wecker klingelt. Angesichts der Tatsache, dass Vatern am Vortag Geburtstag hatte, nicht die allerhumanste Uhrzeit, aber in unserer Familie ist man das frühe Aufstehen gewöhnt, der Vogel, der Wurm, und so weiter. Leider bin ich seit vier Jahren nestgeflüchtete Studentin mit nachtaktivem Schlafrhythmus. So viel dazu.

6.15 Uhr:

Das Auto springt an. Yippie-ya-yeah! Nach vier Tage zuvor in die Werkstatt zwangseingewiesen (natürlich, nachdem ich mich, nach immerhin zweieinhalb Monaten der Trennung, hinters Steuer geklemmt hatte), ist das nicht selbstverständlich. Muttern fährt, ich bin nervös (dazu später mehr) und habe nicht wahnsinnig viel Schlaf bekommen.

7.00 Uhr:

Ein Kleinstadtbahnhof im Sauerland. Parkplatz gefunden, in einer Bäckerei mit Käsebrötchen versorgt, der Zug fährt überpünktlich ein. Check, die Reise nach Leipzig kann losgehen!

9.56 Uhr:

Nach Zwischenstopp in Warburg (Zug völlig leer) erneuter Fahrzeugwechsel in Eisenach. Ich war noch nie hier, kann vom Zug aus die Wartburg sehen! Wart, Berg, du sollst mir eine Burg werden!, oder so. Am Bahnhof steht dann eine S-Bahn im Weg, ein Schild prahlt damit, man befinde sich in der Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs. Schön für JSB. Ich mache mich trotzdem so lang ich kann, um einen Blick auf die Burg zu erhaschen. Tausche mit Muttern Erinnerungen an eine ihrer Jugendbuchreihen aus, die teilweise in Eisenach spielt. (Anmerkung: Magda Trott, die Pucki-Bücher) Zug fährt ein. (Zug ist verdammt voll)

10.10 Uhr:

Wir waren zu geizig für eine Sitzplatzreservierung. Guter Plan. Ein weiterer Geizkragen motzt den Schaffner an, wir ergeben uns unserem selbstverschuldeten Schicksal. Nichtsdestotrotz haben wir ein paar Minuten später Glück und ergeiern im völlig überfüllten ICE zwei leere Sitzplätze. Ich ziehe einen Stapel dichtbeschriebener Zettel aus meinem Rucksack, die später noch eine größere Rolle spielen werden, und kritzele mit Textmarkern darin herum. Dann reiche ich sie an Muttern weiter. Ein wenig leichte Lektüre für die letzte Stunde Fahrtzeit.

11.15 Uhr:

Endlich angekommen! Wie angestochen springen wir zwei Landeier in eine der alle drei Minuten vom Bahnhof in Richtung Messegelände abfahrenden Straßenbahnen. Nach zwei Minuten sind wir da. Kommentar von Muttern: „Das hätten wir jetzt aber auch laufen können, woll?“

11.30 Uhr:

Messeluft! Wir brauchen uns nur den Menschenmassen anzuschließen, die in Scharen auf das riesige, mit Fahnen verzierte Glasgebilde zuströmen. Mir fällt auf, dass sich ungewöhnlich viele Cosplayer unter den Messebesuchern befinden. Warum, das wird uns spätestens klar, als wir das erste große Plakat entdecken, das für die Manga-Comic-Con wirbt. „Uiii“, mache ich. Zwar bin ich kein großer Manga-Fan, aber als damals recht burschikoses Kind der Neunziger steckt doch auch in mir ein kleiner Nerd.

11.40 Uhr:

Wir brauchen nur etwa zehn Minuten, um uns im riesigen Foyer zu orientieren, einen Messeplan zu stibitzen und herauszufinden, wie wir unsere Onlinetickets in die Ticketautomaten der Drehkreuze fummeln müssen. Auf die „Wir-vons-Land“-Methode verfahren wir ganz nach dem Motto: „Erstmal gucken, wie das alle anderen so machen.“ Check, wir sind drin – und stehen direkt vor dem Blauen Sofa. Ich erkläre meiner Mutter das Prinzip des Blauen Sofas und gebe zu, keine Ahnung zu haben, bei wem es sich um den gerade Interviewten handelt – und zudem keinen der auf dem großen Screen angekündigten folgenden Blauen Sofierenden vom Namen her zu kennen. Macht nichts.

11.45 Uhr:

Um Punkt 14 Uhr habe ich einen Termin in Halle 2, vom Foyer aus gesehen links. Wir entscheiden uns also, eine Runde entgegen dem Uhrzeigersinn zu drehen und mit der Manga-Comic-Con anzufangen. Nachdem wir die ersten Stände passiert haben, Kommentar von Muttern: „Ich glaube, ich heb hier den Altersdurchschnitt ganz gewaltig.“ Ich tröste sie: Bei den Cosplayern sei das Alter schließlich nicht immer ganz eindeutig identifizierbar.
Ich bin kurz versucht, mir ein Herr-der-Ringe- oder Harry-Potter-Überraschungstütchen für zehn Euro zu kaufen. Figuren, Spielzeug und ganz viele nackte Frauen – so werben die Tütchen in überschaubarer Größe für ihren Inhalt, und ich frage mich, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, statt einer nackten Hermine Granger eine Lack-und-Leder-Molly Weasley zu erwischen. Schlussendlich siegt meine vernunftbedingte Sparsamkeit, die sich auch von flauschigen Pikachu-Kostümen, seidigen Kimonos (bezaubernd!) ab 49 Euro das Stück und alten Lustigen Taschenbüchern, drei für zehn Euro, nicht brechen lässt.

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