Wickelräume und Payback

Kartevon Andreas Hempler

Es ist seltsam oder auch nicht so sehr, dass man auf Herrentoiletten keine Wickelräume findet, keinen Behälter für Hygienepapier, dafür aber Kondomautomaten, die man im Gegensatz zu den beiden ersteren Dingen auf Damentoiletten selten bis nie installiert hat. Seltsam, aber aus diesen drei Beobachtungen lässt sich seriöserweise kein Weltbild ableiten und schließlich formulieren am Schluss; – und im Grunde genommen sind diese Erfahrungen kein erschöpfendes Thema für eine Kolumne, jedenfalls nicht für diese.

Diese Feststellungen waren Thema eines Mailwechsels, den ich vor Jahren einmal führte, ich habe mich daran erinnert, als ich heute ein Buch namens „Payback“ bei einem Freund im Bücherschrank entdeckte, – ein Lamento über das Kommunikationszeitalter, um den Inhalt kurz zusammenzufassen. Alles ist so schnell, so viel, so unübersichtlich, so oberflächlich geworden, so laut. Keine neue Erkenntnis also, dass das Internet, beispielsweise, kein geeignetes Medium für die Müden und Langsamen ist, jedenfalls nicht, um über dieses zu kommunizieren. Diesen eher apollinischen Charakteren empfiehlt es sich, zur Weitergabe ihrer Erkenntnisse und so Briefe zu schreiben und Münztelefone zu benutzen.

So, wie wir das früher gemacht haben, als es noch keine Handys gab, keinen Festnetzanschluss in jedem Haushalt und Internet überhaupt nicht. Diese Zustände waren überhaupt kein Problem für Zeitgenossen, die keinen großen Freundes- oder Bekanntenkreis hatten, oder die diesen im überschaubaren Rahmen pflegten, der auch zu Fuß zu durchqueren war, – ich selbst erinnere mich mit Grauen an Abende, die ich auf der Suche nach einer intakten Telefonzelle verschleudern musste, um eine Verabredung zu treffen oder so, und hatte man eine gefunden, so war das Scheißding besetzt oder das eigene Kleingeld reichte nicht, der andere Teilnehmer nicht zu erreichen, – Sie erinnern sich da vielleicht selbst. Heute benutze ich meinen Festnetzanschluss mit AB, mein Handy, schreibe Mails, an der technischen Möglichkeit zu kommunizieren scheitern Beziehungen zu Menschen, die ähnlichen Wert auf Erreichbarkeit legen, bei mir nicht mehr.

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Mit Muttern auf Messe – ein völlig subjektiver Bericht eines Buchmessengreenhorns

keinejugend.devon Alina Becker

18. März 2016

5.30 Uhr:

Der Wecker klingelt. Angesichts der Tatsache, dass Vatern am Vortag Geburtstag hatte, nicht die allerhumanste Uhrzeit, aber in unserer Familie ist man das frühe Aufstehen gewöhnt, der Vogel, der Wurm, und so weiter. Leider bin ich seit vier Jahren nestgeflüchtete Studentin mit nachtaktivem Schlafrhythmus. So viel dazu.

6.15 Uhr:

Das Auto springt an. Yippie-ya-yeah! Nach vier Tage zuvor in die Werkstatt zwangseingewiesen (natürlich, nachdem ich mich, nach immerhin zweieinhalb Monaten der Trennung, hinters Steuer geklemmt hatte), ist das nicht selbstverständlich. Muttern fährt, ich bin nervös (dazu später mehr) und habe nicht wahnsinnig viel Schlaf bekommen.

7.00 Uhr:

Ein Kleinstadtbahnhof im Sauerland. Parkplatz gefunden, in einer Bäckerei mit Käsebrötchen versorgt, der Zug fährt überpünktlich ein. Check, die Reise nach Leipzig kann losgehen!

9.56 Uhr:

Nach Zwischenstopp in Warburg (Zug völlig leer) erneuter Fahrzeugwechsel in Eisenach. Ich war noch nie hier, kann vom Zug aus die Wartburg sehen! Wart, Berg, du sollst mir eine Burg werden!, oder so. Am Bahnhof steht dann eine S-Bahn im Weg, ein Schild prahlt damit, man befinde sich in der Geburtsstadt Johann Sebastian Bachs. Schön für JSB. Ich mache mich trotzdem so lang ich kann, um einen Blick auf die Burg zu erhaschen. Tausche mit Muttern Erinnerungen an eine ihrer Jugendbuchreihen aus, die teilweise in Eisenach spielt. (Anmerkung: Magda Trott, die Pucki-Bücher) Zug fährt ein. (Zug ist verdammt voll)

10.10 Uhr:

Wir waren zu geizig für eine Sitzplatzreservierung. Guter Plan. Ein weiterer Geizkragen motzt den Schaffner an, wir ergeben uns unserem selbstverschuldeten Schicksal. Nichtsdestotrotz haben wir ein paar Minuten später Glück und ergeiern im völlig überfüllten ICE zwei leere Sitzplätze. Ich ziehe einen Stapel dichtbeschriebener Zettel aus meinem Rucksack, die später noch eine größere Rolle spielen werden, und kritzele mit Textmarkern darin herum. Dann reiche ich sie an Muttern weiter. Ein wenig leichte Lektüre für die letzte Stunde Fahrtzeit.

11.15 Uhr:

Endlich angekommen! Wie angestochen springen wir zwei Landeier in eine der alle drei Minuten vom Bahnhof in Richtung Messegelände abfahrenden Straßenbahnen. Nach zwei Minuten sind wir da. Kommentar von Muttern: „Das hätten wir jetzt aber auch laufen können, woll?“

11.30 Uhr:

Messeluft! Wir brauchen uns nur den Menschenmassen anzuschließen, die in Scharen auf das riesige, mit Fahnen verzierte Glasgebilde zuströmen. Mir fällt auf, dass sich ungewöhnlich viele Cosplayer unter den Messebesuchern befinden. Warum, das wird uns spätestens klar, als wir das erste große Plakat entdecken, das für die Manga-Comic-Con wirbt. „Uiii“, mache ich. Zwar bin ich kein großer Manga-Fan, aber als damals recht burschikoses Kind der Neunziger steckt doch auch in mir ein kleiner Nerd.

11.40 Uhr:

Wir brauchen nur etwa zehn Minuten, um uns im riesigen Foyer zu orientieren, einen Messeplan zu stibitzen und herauszufinden, wie wir unsere Onlinetickets in die Ticketautomaten der Drehkreuze fummeln müssen. Auf die „Wir-vons-Land“-Methode verfahren wir ganz nach dem Motto: „Erstmal gucken, wie das alle anderen so machen.“ Check, wir sind drin – und stehen direkt vor dem Blauen Sofa. Ich erkläre meiner Mutter das Prinzip des Blauen Sofas und gebe zu, keine Ahnung zu haben, bei wem es sich um den gerade Interviewten handelt – und zudem keinen der auf dem großen Screen angekündigten folgenden Blauen Sofierenden vom Namen her zu kennen. Macht nichts.

11.45 Uhr:

Um Punkt 14 Uhr habe ich einen Termin in Halle 2, vom Foyer aus gesehen links. Wir entscheiden uns also, eine Runde entgegen dem Uhrzeigersinn zu drehen und mit der Manga-Comic-Con anzufangen. Nachdem wir die ersten Stände passiert haben, Kommentar von Muttern: „Ich glaube, ich heb hier den Altersdurchschnitt ganz gewaltig.“ Ich tröste sie: Bei den Cosplayern sei das Alter schließlich nicht immer ganz eindeutig identifizierbar.
Ich bin kurz versucht, mir ein Herr-der-Ringe- oder Harry-Potter-Überraschungstütchen für zehn Euro zu kaufen. Figuren, Spielzeug und ganz viele nackte Frauen – so werben die Tütchen in überschaubarer Größe für ihren Inhalt, und ich frage mich, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, statt einer nackten Hermine Granger eine Lack-und-Leder-Molly Weasley zu erwischen. Schlussendlich siegt meine vernunftbedingte Sparsamkeit, die sich auch von flauschigen Pikachu-Kostümen, seidigen Kimonos (bezaubernd!) ab 49 Euro das Stück und alten Lustigen Taschenbüchern, drei für zehn Euro, nicht brechen lässt.

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Besorgte Burger

keinejugendvon Alina Becker

Auf Heimurlaub ist es üblich, dass ich die Gaumen meiner Familie wenigstens ein-, zweimal mit meinen gefühlt eher mäßigen Kochkünsten verwöhne. Was zwar manchmal zu Diskussionen über den Schärfegrad (okay für Vatern und Schwestern, zu scharf für Muttern) oder die (un)beabsichtigte Knoblauchmenge im Pesto (zu viel für Vatern und Schwestern, zu wenig für Muttern) führt, aber andererseits auch schon neue Posten zu dem gewohnten Familienspeiseplan addiert hat (studentischem Kulinarexperimentalismus sei Dank).

Diese Woche gibt es Hamburger. Weder meine eigene Kreation, noch richtige Ham- oder auch Cheeseburger, trotzdem im Familienkreis sehr beliebt.
„Aus gegebenen und aktuellen Anlässen diesmal in einer anderen Variante“, schlug ich vor ein paar Tagen vor. „Empfehlung der Küche im September 2015: Besorgte Burger.“
Ein bisschen dauerte es, bis der Witz zündete, aber im Endeffekt war mein doch stark von Zynismus geprägter Familienrat damit einverstanden. Und während (I can’t get no) Satisfaction aus dem Radio bollert, überlege ich mir, wie ich meinen Burgern den passenden Hauch Besorgnis verpassen soll, und ob Schnittlauch ein besorgteres Kraut ist, als Oregano.

Eigentlich ist es fast schon müßig, über die ganze Nummer mit den besorgten Burgern zu schwadronieren. Hat vermutlich jeder schon einmal schlucken müssen, in den letzten Monaten, und man kennt den fiesen Beigeschmack, der den Genuss besorgter Burger begleitet. Auf Facebook gibt es eine Interessengemeinschaft, die sich für die Belange besorgter Burger einsetzt. Ganze 18 Follower, so far, weshalb es Zeit wird, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft einmal intensiv auf die Probleme zu richten, die die Veganisierung des Abendbrotlandes so mit sich bringt.

Dazu heute exklusiv das Rezept zum Nachkochen: Besorgte Burger für vier Personen

Zutaten:
4 besorgte Burgerbrötchen
500 Gramm Wir-sind-das-Hack
4 Scheiben gequirlter Käse
Eine Grosse zwibel die uns die arbeitspletze weg nehmen tut
1 Kopf böse Salatfisten
1 Bund Lügenkresse
2 Tomaten-auf-den-Augen
1 kleines Glas Essiggürk… SPREEWÄLDER (!!) Gewürzgurken
Senf… BAUTZENER (!!) Senf
Andere deutsche Soßen nach Wahl
kleine Papierfähnchen

Die 500 Gramm Wir-sind-das-Hack würze man nach Gutdünken mit einem Hauch Lügenkresse und knete es mit einer ordentlichen Portion Schrei nach Liebe auf einem Brett-vorm-Kopf zu ordentlichen besorgten Buletten. Diese brate man von beiden Seiten bis sie völlig durch sind (je nach Geschmack auch halbgar) und überbacke sie im Ofen bei mindestens 42 Grad Fieber mit je einer Scheibe gequirltem Käse. Die besorgten Burgerbrötchen bestreiche man mit der Bautzener Nationalsoße und belege die unteren Hälften mit zwei, drei Blatt Salatfisten, ein paar Tomatenscheiben-auf-den-Augen, der Spreewalddelikatesse und ein paar zwibelringen. Auf dieses veganisierte Allerlei klatsche man die besorgten Buletten aus dem Ofen, füge nach Belieben einen Schwall deutscher Kultursoßen hinzu und klappe die obere Hälften der besorgten Burgerbrötchen auf das kulinarische Werk. Zur Dekoration eignen sich kleine Deutschland-Papierfähnchen.

Variante:
Eine schärfere Würze und eine kleine zusätzliche Prise Hass lässt aus Besorgten Burgern im Handindieluftreißen schmacklose Wutburger werden…

In diesem Sinne wünsche ich ein geselliges Nachkochen, gutes Gelingen und einen gesegneten Appetit… und nicht vergessen: Je schneller man die Besorgten Burger verspeist, desto besser wird das Wetter!

Ad maiorem Dei gloriam

Grafik: Lena Knaudt

Grafik: Lena Knaudt

von Andreas Hempler

Heute habe ich den hiesigen Weihnachtsmarkt besucht, meiner Meinung nach ein weiteres Symbol als Mahnmal für den Niedergang der schönen Stadt Wuppertal, – kulturell, intellektuell, vor allem: moralisch, – aber das nur nebenbei. Ich war in Begleitung, eine Freundin mit ihrem sechsjährigen Kind, und für dieses Kind war es ein Trip direkt ins Paradies, also: wenigstens das. Und für mich war es ein schöner Tag, zumindest: das, falls Sie mir diese persönliche Bemerkung erlauben. Und da wir schon einmal ins Plaudern geraten sind über Reisen ins Paradies, schöne Tage, kulturelle, intellektuelle, und vor allem: moralische Degeneration:

In Deutschland sind am 02. Dezember 2015 ca. 2,5 Millionen Kinder arm wie jeden Tag, auch im doch im Grunde genommen reichen Deutschland haben nicht alle Familien einen besonderen Grund zu feiern. 320 000 Kinder sind in Deutschland heute Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, 20.000 Kinder sind heute als Prostituierte vergewaltigt worden. 110 Kinder sind heute im Straßenverkehr verunglückt… Usw.

Und so weiter:

Heute sind auf der Welt 17.000 Kinder verhungert, 550 Kinder sind in einem der Kriege gestorben, die derzeit in ca. vierzig Staaten vor allem gegen die Zivilbevölkerung geführt werden. 5480 Kinder sind, auch als Folge dieser Kriege, zu Flüchtlingen geworden, die Anzahl der Kinder, die durch Minen und ähnliches lebenslänglich verkrüppelt oder sonst wie verletzt worden sind, ist ungefähr doppelt so groß. Insgesamt sind, während wir den Advent feiern, ca. 25.000 Kinder gestorben, viele an Krankheiten, die leicht zu verhindern wären, würde das Schicksal dieser Kinder irgendjemanden interessieren in der so genannten zivilisierten Welt. Vier Millionen Kinder mussten sich heute als Prostituierte missbrauchen lassen weltweit, und 191 Millionen Kinder in der Welt müssen heute arbeiten, unter Bedingungen, die selbst die übelsten Kapitalisten und ihre Kumpane in Deutschland nicht einmal einem Hartz IV-Empfänger zumuten dürfen. 300 000 Kinder sind als so genannte Kindersoldaten verheizt worden. Usw. Leider: und so weiter, und schlimmer:

Es geht immer so weiter.

Konsequenterweise wurde der Etat für Entwicklungshilfe für den Haushalt 2015 vom Deutschen Bundestag um 125 Millionen Euro gekürzt, der Armutsbericht des Bundesarbeitsministeriums nicht als Anlass genommen, sofort entschlossen gegen die dort geschilderten Zustände vorzugehen, – oder sich zumindest zu schämen für die zunehmende systematische Zerschlagung unseres Sozialstaates, – sondern um für die Agendajünger und ihre Nachfolger unangenehme Formulierungen und Analysen gekürzt. Usw.

Die Stadt Wuppertal selbst hat die Zuschüsse zum Schulessen für arme Kinder, beispielsweise, komplett gestrichen aus ihrem Budget, – jedes sechste Kind darf in Deutschland nicht einmal eine einzige verdammte warme Mahlzeit am Tag essen, und soll das auch nicht dürfen. Wie jedes Jahr zur Adventszeit wurden aus den Bereichen um den Wuppertaler Hauptbahnhof sämtliche sonst dort lebende Opfer unserer Konsumgesellschaft von den hiesigen Ordnungsbehörden deportiert, damit dieser eher unappetitliche, aber eben wahre Blick auf unsere Leistungsgesellschaft dem konsumgeilen und vor allem: konsumpotenten Bürger seine Adventsstimmung nicht vollsaut. Usw.

Wie kamen wir und ich darauf? Ach ja, mein heutiger Weihnachtsmarktbesuch, war sehr schön, übrigens, wenn auch, analytisch betrachtet, kulturell, intellektuell, und vor allem: moralisch als agonistisch zu bewerten. „Was bedeutet eigentlich „Advent““, wollte die Kleine nachher wissen, und ich habe geantwortet: Adventus Domini, Ankunft des Herrn, und nach einem strafenden Blick meiner Freundin ergänzt: sozusagen bedeutet es „Trip ins Paradies“, besonders auch für Kinder. Usw. Leider, hätte ich hinzufügen müssen, besonders einem gerade glücklichen Kind gegenüber, ad maiorem Dei gloriam, immer und so weiter:

Nicht für alle Kinder.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Lieben in diesem Sinne, und vor allem: überhaupt, eine frohe und besinnliche Adventszeit usw., für heute aber:

Einen guten Tag.