Archiv der Kategorie: Lyrik

Sigune Schnabel – Kälte

Deine Sprache bereitet sich
auf den Winter vor.
Trocken hängen Worte
in der Luft,
dass ihre Silben
nicht gefrieren,
wenn der Nachtfrost kommt.

Noch einmal lege ich
auf deine Schulterblätter
die Hände,
gerötet vom Herbst.

Schon bald verfangen sich
die Laute
in der Landschaft
wie Schnee.


Sigune Schnabel ist eine mehrfach preisgekrönte Lyrikerin. Ihr aktueller Gedichtband „Auf Zimmer drei liegt die Sehnsucht“ erschien Anfang Mai. Davor erschienen bereits die Bände „Apfeltage regnen“ (2017) und „Spuren vergessener Zweige“ (2019).

Lyrik, Prosa sowie weitere Informationen über Sigune Schnabel findet ihr u.a. auf ihrer Homepage sowie auf ihrem KeinVerlag-Autorprofil: unangepasste.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen mit Sigune Schnabel.

L’étranger – Highway to hell

Vorübergehend geschlossen …
steht auf dem Schild am Eingang,
und auf der Bühne streicht die Zeit
gelangweilt über schmale Polstersitze,
schlendert durch die leeren Garderoben
quer durchs Foyer hinaus zu größeren Bühnen.

Romeo macht heute Homeschooling,
Julia chattet mit ihrer Freundin,
der eingebildete Kranke
erscheint
in keiner Statistik.

Im Theaterkanal ein Standbild aus Washington:
Endzeitchaos – alle Vorstellungen ausverkauft,
liest man darunter – durchlaufend.

Die Evangelien behalten endwärts recht.
Wenn man die frohe Botschaft kennt,
ist Apokalypse ganz erträglich.
Marx war der letzte Prophet,
und Rosa Luxemburg.

Auf spruchweisheiten.de liest man zum heutigen Tage:
Leben kann man nur vorwärts – kein Weg
führt jemals zurück in bessere Zeiten.

On the highway to hell.


Lyrik von L’étranger findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorenprofil: Létranger.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen mit Philipp L’étranger.

Bastian Kienitz – Nachtlider

Himmel, du

In meinem Himmel ist es rot gefärbt:
vom roten Mohn, der auf den Feldern liegt.
Ich zupfte ihn mit dir. Was daran blieb
brach in der Nacht am regennackten Herz,

ins Licht gelöst, dann gab ich dir die Hand.
-die sich ein kleiner Junge zügig nahm-
Ich weiß nicht mehr wie er zur Pforte kam,
verwischte Schemen habe ich erkannt …

Dahinter

dann kamen Tage wie der Herbst. Im Regen
ging auch das letzte Feld den Weg zum Schlaf.
Das Blatt, es fiel hinein ins kleine Schweben,
umarmt vom erdennahen Traum und brach

auf meinem Regenschirm. Die nasse Kleidung
verband sich mit dem trägen Feld. Es lag
ein leichter Nebel in dem Traum vom Leben,
dahinter war der Pfad vom Regen nackt …

Erntezeit

wie Sonnenlicht aus Traum das kalte Wasser,
geschälte Äste fremder Phantasien.
Den Weg geht heute niemand, hinterm Feldein
verwandelt sich die Landschaft und wird Wald:

zum schmalen Weg gebogen in die ganze Weite
zerbricht die Hülle scheu den schwarzen Wolf.
Das Reh wiegt seinen Ruf im Augenlichte
und treibt die wilde Liebe in das Heu.


Lyrik, Haiku, Aphorismen und mehr von Bastian Kienitz findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorprofil: wa bash.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen mit Bastian Kienitz.

Christa Issinger – schneewimpern

tauen zu wasser
sagt man
wenn man über liebe spricht
dabei kenne ich
sie nicht persönlich

einmal begegnete ich ihr
im spätherbst
sie trug einen lila mantel
und einen regenschirm

sie nickte nur
im vorbeigehen
ich blieb stehen
und schaute ihr nach


Lyrik und mehr von Christa Issinger findet ihr auf ihrem Blog und auf ihrem KeinVerlag-Autorprofil: sandfarben.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen an Christa Issinger.

L’étranger – der schrei

du musst nicht still sein
um ihn zu hören
nicht suchen

hinter den masken und kostümen
in den anweisungen der regie 
im flüstern der souffleure

in der brandung der laute
dem ruf der vokale
zwischen den zeilen

unter den worten
jenseits der buchstaben

in jedem schreiben
lebt der schrei
im schrei der erste schrei
des neugeborenen


Lyrik von L’étranger findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorprofil: Létranger.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen mit Philipp L’étranger.