Constanze Thum – Am Leben der anderen kann man sich angenehm wärmen

Ich bin tätowiert und trotzdem uncool. Daran ändern auch die vielen Festivalbändchen nichts, die bezeugen wollen, dass ich ein bekackter Hippie bin.
Manchmal trage ich einen Gott um meinen Hals; halb Stör, halb Mensch.
„Schreib was über Pottwale“, sagt er zu mir, „das kommt immer gut.“
„Nicht schon wieder“, entgegne ich und beschließe, etwas über das Leben zu schreiben.

Mein Kaugummi-Papier will Wahrheit oder Pflicht spielen. Ich nehme Wahrheit: „Welche Sache auf der Welt gibst du vor zu mögen obwohl du sie eigentlich gar nicht leiden kannst?“
Menschen!, denke ich sofort und forme das Papier zu einem Knüll. Erschrocken halte ich inne.
War das jetzt zu harsch, zu radikal?, frage ich mich. Ich habe keine Antwort parat, stricke an der Lösung des Problems, lasse aber wie üblich eine Masche fallen.

An einer Ampel treffe ich einen gorillagleichen Typen mit auffälligem Pullover. Auf diesem sind ein Pittbull und die Aufschrift „9 mm“ zu sehen. Auf meiner Jacke steht „Kant stop the music“ mit einem Bild von Immanuel darunter, der Kopfhörer trägt. Ich starre den 9 mm Aufdruck an.
„Was glotzt’n so, du hässliches Stück Scheiße?!“, ruft Typ mir zu, Speichel fliegt.
„Oh ich find’s nur voll dufte wie selbstbewusst und offen du mit deiner Penislänge umgehst.“
Er poliert mir die Fresse.
Dankbar hinke ich von dannen.

Zu Hause betrete ich das Bad.
Der hübsche Nachbar liegt angezogen in meiner Wanne und trinkt Whiskey.
„Hör auf damit“, sagt er zu mir.
„Womit?“
„Na… mit deinem Gesicht.“
Ich hab’s auch versucht, aber nicht hinbekommen.

Ich brauche Urlaub von diesem Leben.
Vielleicht zwei, drei Wochen mal Katze sein. Oder Molch. Ich behaupte ja nicht, dass das Leben als Molch einfacher wäre. Aber es wäre eindeutiger. Da geht es nicht um den Sinn sondern das Sein des Lebens. Man hat Molchverpflichtungen. Muss Molchkram erledigen. Schätze, das bedeutet, die meiste Zeit in einem Teich rumzuhängen.
Wo wir grade davon sprechen: ich werde als Molch wiedergeboren. Ein Schamane sagte nämlich mal zu mir: „Du wirst im nächsten Leben ein Molch.“
Verflucht seist du, Hölle der Wiedergeburt.
„Aber nur, wenn du einen unverschuldeten Tod stirbst. Sonst wirst Alpenveilchen.“
Suizid ist also keine Option.
„Und wie werde ich sterben, weiser Obi?“
Der alte Schamane sah mich an.
„Du rauchst nicht, du trinkst keinen Alkohol, nimmst keine Drogen…“ Er nickte. „Du wirst von einem Bus überfahren.“

Sie sagen, die Hoffnung geht zu Letzt. Aber ich bin die, die hinterher das Licht ausknipsen muss.
„Fuck you all!“, brülle ich in die Welt hinaus.
„Herrgott, jetzt geh endlich nach Hause“, ruft jemand zurück.
Jemand hat recht.

Das Leben ist ’ne scheiß Party. Mit Türsteher. Die Getränke sind viel zu teuer.
Und wenn ich meine Hose finde, geh’ ich Heim.

Constanze Thum

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