Archiv der Kategorie: Prosa

16 Fragen an Dorothee Krämer

Wir freuen uns, euch erneut jemand Neues auf den 16 Seiten vorstellen und wie immer erfolgt das anhand einer kleinen Selbstvorstellung und der 16 Fragen.

Viel Spaß beim Kennenlernen von Dorothee Krämer:

16 Fragen an Dorothee Krämer

Dorothee Krämer, geb. 1971 in Wuppertal, dort studierte sie Germanistik. Heute lebt sie im niedersächsischen Bad Essen. Sie ist Dozentin für Alphabetisierungs- und Integrationskurse.

Gedichte veröffentlicht sie seit 2019 in Anthologien und Literaturzeitschriften, z.B. Dichtungsring, Wortschau, Litrobona, Reibeisen und im Signaturen Magazin.
2020 erhielt sie den Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis und war Preisträgerin beim Landschreiber Wettbewerb 2024. Sie hat zwei Lyrikbände veröffentlicht, zuletzt „Libellenabend“ in der Lyrik- Edition NEUN, Verlag der 9Reiche, Berlin 2025.
www.dorothee-kraemer.com

Weiterlesen

Alina Becker – Apartment 29

Beim Blick aus dem Fenster sahen wir andere Fenster, zweiundfünfzig an der Zahl, ich hatte sie einmal gezählt, als Christian spät von der Arbeit zurückkam und das Essen kalt wurde. Unsere Wohnung ging zum Hinterhof hinaus, und alle an den Hof grenzenden Fassaden bis auf die unsere waren bereits renoviert worden, gestrichen in verschiedenen Orangetönen, und manchmal, wenn die Abendsonne tief stand, leuchteten sie wie ein Tempel aus Tausendundeiner Nacht.

Es war 20.43 Uhr und ein Schlüssel kratzte im Türschloss. Christian war daheim.
„Du kommst spät“, begrüßte ich ihn.

„Es gab noch eine Besprechung.“ Er hängte seine Jacke an die Garderobe und lockerte im Gehen seine Krawatte.

„Es gibt Rouladen.“

Weiterlesen

Christian Knieps – Tango nuevo

Als Astor Piazzolla Mitte der Siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts Argentinien verließ, da die Geißel des Putsches im Begriff war, das Land zu unterjochen, und selbst Musiker zu jenen Intellektuellen gezählt wurden, die man besser früher als später ausrottete, hätte der Tango mit ihm sterben können, als er in Mailand ankam. Doch wie ein altes argentinisches Sprichwort sagt, dass sich alles ändert, nur der Tango nicht, blieb Astor stur bei seinem Tango, den er über die Jahre weiterentwickelt hatte, und suchte nach Wegen, den Tango zwar nicht zu verlieren, ihn aber weiter zu erneuern.

Weiterlesen

Andrea Tillmanns – Sechs Meter Luft

Manchmal rannen die staubfeinen Tröpfchen in Charlies Haaren zu einem großen Tropfen zusammen, der sich seinen Weg entlang ihres Nackens bis unter den hochgeschlagenen Kragen der Wetterjacke suchte oder nach kurzem Zögern von ihrem Gesicht in den grauen See fiel.
Charlie versuchte sich vorzustellen, wie es für einen Tropfen sein mochte, in den See zu stürzen. Vermutlich wurde er beim Aufprall auf die tanzende Wasseroberfläche in tausend Stücke zerrissen, aber vorher? Wenn sich die Tropfen von ihrem Gesicht lösten, glaubte Charlie zu erkennen, wie sie immer breiter und runder wurden, und sie fragte sich, ob die Tropfen wohl zu perfekten Kugeln wurden, ehe sie auf dem Wasser aufschlugen. In der Schule hatten sie einen Film von einer Weltraummission gesehen, in dem die Astronauten Kugeln aus Milch tranken, und die Klassenlehrerin hatte erklärt, dass Wasser und andere Flüssigkeiten am liebsten kugelrund waren.

Weiterlesen

Johannes Tosin – Jinx

Es ist das weltweit erste Gebäude, das höher als eine Meile ist. Es umfasst 372 Etagen. Sein Name ist Jinx. Eine Firma ist in ihm untergebracht.
In der Cafeteria in der 324. Etage sitzen während der Mittagspause zwei Angestellte beisammen.

Mara: Es ist nicht so, wie Sie denken.
Ed: Woher wollen Sie wissen, was ich denke?
Mara: Es ist bei allen gleich, wissen Sie, Herr Mueller. Sie sind heute erst den zweiten Tag hier, in dieser Etage und überhaupt bei Blossom Inc. Ich arbeite schon lange hier, ich habe schon viele wie Sie erlebt. Sie denken etwas in der Art von: Wow, das ist toll hier!
Ed: Richtig, das haben Sie mich erwischt. Aber ist es denn ein Fehler, das zu denken?
Mara: Es ist ja auch schön hier, sauber und sonnig. Ich kann nachvollziehen, dass Sie sich anfangs in erster Linie einfach nur wohlfühlen. Sagen Sie, wohnen Sie in der Stadt?
Ed: Tue ich, ja. Warum fragen Sie?
Mara: Ich wohne auch in der Stadt. Es ist schon Jahre her, dass ich von dort die Sonne gesehen habe. Die Luft ist sehr stark belastet und riecht ungesund. Der feine Staub fängt sich im Nebel. Und der Regen, dieser ewige Regen. Er spült den Dreck von den schmutzigen Wolken in den Boden, in den Asphalt und die wenige Erde. Es gibt nur noch zwei kleine Parks. Die Bäume verenden sowie fast alle Blumen. Die Lebenserwartung beträgt kaum 50 Jahre. Wie alt sind Sie denn, Herr Mueller?

Weiterlesen