Archiv der Kategorie: Prosa

Andrea Tillmanns – Sechs Meter Luft

Manchmal rannen die staubfeinen Tröpfchen in Charlies Haaren zu einem großen Tropfen zusammen, der sich seinen Weg entlang ihres Nackens bis unter den hochgeschlagenen Kragen der Wetterjacke suchte oder nach kurzem Zögern von ihrem Gesicht in den grauen See fiel.
Charlie versuchte sich vorzustellen, wie es für einen Tropfen sein mochte, in den See zu stürzen. Vermutlich wurde er beim Aufprall auf die tanzende Wasseroberfläche in tausend Stücke zerrissen, aber vorher? Wenn sich die Tropfen von ihrem Gesicht lösten, glaubte Charlie zu erkennen, wie sie immer breiter und runder wurden, und sie fragte sich, ob die Tropfen wohl zu perfekten Kugeln wurden, ehe sie auf dem Wasser aufschlugen. In der Schule hatten sie einen Film von einer Weltraummission gesehen, in dem die Astronauten Kugeln aus Milch tranken, und die Klassenlehrerin hatte erklärt, dass Wasser und andere Flüssigkeiten am liebsten kugelrund waren.

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Johannes Tosin – Jinx

Es ist das weltweit erste Gebäude, das höher als eine Meile ist. Es umfasst 372 Etagen. Sein Name ist Jinx. Eine Firma ist in ihm untergebracht.
In der Cafeteria in der 324. Etage sitzen während der Mittagspause zwei Angestellte beisammen.

Mara: Es ist nicht so, wie Sie denken.
Ed: Woher wollen Sie wissen, was ich denke?
Mara: Es ist bei allen gleich, wissen Sie, Herr Mueller. Sie sind heute erst den zweiten Tag hier, in dieser Etage und überhaupt bei Blossom Inc. Ich arbeite schon lange hier, ich habe schon viele wie Sie erlebt. Sie denken etwas in der Art von: Wow, das ist toll hier!
Ed: Richtig, das haben Sie mich erwischt. Aber ist es denn ein Fehler, das zu denken?
Mara: Es ist ja auch schön hier, sauber und sonnig. Ich kann nachvollziehen, dass Sie sich anfangs in erster Linie einfach nur wohlfühlen. Sagen Sie, wohnen Sie in der Stadt?
Ed: Tue ich, ja. Warum fragen Sie?
Mara: Ich wohne auch in der Stadt. Es ist schon Jahre her, dass ich von dort die Sonne gesehen habe. Die Luft ist sehr stark belastet und riecht ungesund. Der feine Staub fängt sich im Nebel. Und der Regen, dieser ewige Regen. Er spült den Dreck von den schmutzigen Wolken in den Boden, in den Asphalt und die wenige Erde. Es gibt nur noch zwei kleine Parks. Die Bäume verenden sowie fast alle Blumen. Die Lebenserwartung beträgt kaum 50 Jahre. Wie alt sind Sie denn, Herr Mueller?

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Tom Stephan – Die Weggefährten

Ein Sohn fragte seinen Vater nach dem Sinn des Lebens, denn Antworten darauf suchte er lange und vergebens. Sie sprachen zunächst über einen Wegweiser auf dem noch nichts geschrieben steht, denn neue Wege entstehen erst indem man sie geht. Dann fragte der Sohn was sei wichtiger: „Der Weg oder Ziel?“ Weil ihm darauf auch keine sichere Antwort einfiel. Sein Vater meinte die Frage müsse umgestellt werden, denn die Antwort sollte lauten: „Die Weggefährten.“


Hier geht es auch zu den 16 Fragen an Tom Stephan.

Lars Döring – An still verschwundenen Orten – Traumflimmern

Es war ein fahler, fast lichtloser Tag im September, als hielte jemand ein Stück Papier gegen die Sonne. Dunkle Wolkenfetzen kauerten eng beieinander und zogen eilig über den grauen Himmel hinweg, hier und da fielen ein paar erste Regentropfen, das Gewitter von anderswo kam näher. Der Sommer hatte in den vergangenen Tagen seine zarten Ranken noch einmal ausgestreckt und die Menschen vor ihre Häuser und in die Eisdielen und Freibäder gelockt, als wolle er Unordnung in den angebrochenen Herbstanfang bringen, der schon die ersten herabfallenden Blätter zeitigte. Auf das überraschende Hoch folgte allerdings ein umso betrüblicheres Tief: Der anschließende rasche Temperatursturz ließ die wiederbelebten Plätze erneut vereinsamen, die Gartenmöbel wurde eingeräumt und endgültig im Keller verstaut, die Markisen ein letztes Mal eingefahren. Man verharrte zu Hause, innerlich zerrissen, ob der Herbst nun ganz und gar einzöge, mit seinen stürmischen, regendurchschauerten Tagen und man Sommerkleid und Kurzarmhemd gegen Regenjacke und Pullover eintauschen müsse, oder ob die warme Jahreszeit ihr letztes Wort vielleicht noch nicht gesprochen hatte.

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16 Fragen an Mira Rauk

Wir freuen uns, euch erneut jemand Neues auf den 16 Seiten vorstellen und wie immer erfolgt das anhand einer kleinen Selbstvorstellung und der 16 Fragen.

Viel Spaß beim Kennenlernen von Mira Rauk:

16 Fragen an Mira Rauk

Mira Rauk, geboren 1983 in Luxemburg, schreibt Lyrik, Kurzprosa und experimentelle Textformen, die zwischen Fragment, Monolog und sozialkritischem Spiegel changieren. Ihre Texte bewegen sich an den Rändern von Innenwelt und Gesellschaft, zwischen Verletzlichkeit, Widerstand und dem unstillbaren Drang nach Sprache. Unter dem Label „Kein Trost. Nur Feuer.“ veröffentlichte sie 2025 ihr erstes Gedichtband, gefolgt von weiteren Projekten. Neben Publikationen betreibt sie den Blog wortasche.com, wo sie kontinuierlich Fragmente, Splittergespräche und lyrische Miniaturen veröffentlicht.
Sie lebt mit ihren Kindern in Luxemburg, arbeitet grenzüberschreitend und ist aktiv vernetzt mit Kulturschaffenden in der Großregion.

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