Constanze Thum – Tilde fünf oder: warum Überfälle auf Kleintransporter schlecht sind

„Den besten Sex meines Lebens hatte ich mit mir selber und einer Shampooflasche“, erklärt sie mir.
„Ich wollte eigentlich nur wissen, ob du noch einen Cuba Libre möchtest“, sage ich.
„In der Dusche“, fährt sie unbeirrt fort, „das war dann auch mein erster Orgasmus. Das nennt sich feministische Emanzipation, weißt du? Das ist wahre Freiheit.“
„Cool“, sage ich, „aber ich muss dann auch so langsam. Ich muss noch ein bisschen was machen.“
„Ich auch,“ sagt der Mann am Nebentisch und fängt an zu weinen. Vor ihm stapeln sich Ordner. Sein Laptop ist gerade ausgegangen.
„Hier“, sage ich und händige ihm meine Powerbank. Er starrt mich fassungslos an.
„Hast du dein Leben so sehr im Griff, dass deine Powerbank immer geladen ist?“, fragt er.
Ich zucke mit den Schultern und gehe.

Draußen regnet es. Wieder rein gehen will ich aber nicht mehr, da reden die Leute entweder über Sex oder Arbeit und das ist nicht so mein Thema.
Glück ist wie eine streunende Katze, überlege ich vor mich hin. Manchmal sucht sie dich auf, manchmal wirst du ignoriert. Heute Nacht werde ich definitiv ignoriert.
Am Waldrand meine ich einen Fuchs gesehen zu haben. Wie süß der mit seinem Hut aussieht, denke ich noch so bei mir, versenke die Hände in den Manteltaschen und laufe mit gesenktem Kopf und hochgestelltem Kragen durch den nächtlichen Regen. So macht man das nämlich, schreibt das Gesetz der guten Literatur vor.
Intimschatulle, nur Graustufen:
Am Hafen hat’s Sturmböen von 70 km/h.
Ein Schiff hier heißt Randolph Carter. Bin kurz amüsiert.
Seeadler gesehen.

Ich will hier weg. Raus aus der Stadt der großen Segel. Es zieht mich zurück in die Wüste, in das Land der weisen Männer mit den Bärten, der Geigen und der schwarzen Vögel. Verkehrsknotenpunkte und Überfälle auf Kleintransporte gehören zu den schlimmsten Randerscheinungen unserer Gesellschaft.
Unter einer Straßenlampe bleibe ich endlich stehen. Fühle mich erleuchtet. Man kann doch im Leben eigentlich nur neutral sein. Man kann es doch nicht sich oder anderen verbauen. Man kann doch nicht.
„Komm mit“, sagt eine Stimme zu mir. Ich schaue nach unten. Er sieht wirklich possierlich aus mit seinem Hut und wie er da diesen Joint dreht, einpfotig auch noch. Fuchs leckt über die Klebefalte, steckt sich den Joint an den Hut und bedeutet mir, ihm zu folgen.
Wir sind am Hafen.
„Ich hasse Schiffe“, sage ich.
„Deswegen sind wir hier, oder?“, sagt Fuchs.
Da steht ein tätowierter Mann auf einer Holzkiste. Ihm fehlt eine Hand. Er erzählt Geschichten von einem Land weit weg hinter dem Meer und von Freiheit.
„Hört auf, zu der Musik eurer Ketten zu tanzen!“, ruft er.
„Ein Schäfer ohne Herde ist bloß ein Trottel mit ’nem Stock“, murmel ich daraufhin. Er hat es nicht gehört.
Wir gehen weiter.
„Ich verstehe nicht, warum alle immer Schiffe und das Meer mit Freiheit verbinden.“
„Es ist ein einfach zu verstehendes Symbol. Der Horizont geht ja immer weiter. Es kann nun mal nicht jeder auf Gräbern tanzen“, sagt Fuchs und fragt dann keck:
„Was denkst du denn über Schiffe und das Meer?“
„Jedenfalls nichts über Freiheit“, entgegne ich stumpf und trete an das Wasser, dunkelblau, fast schwarz, auch tagsüber. Jetzt unheimlich und tief. Ich sehe keine Fische.
„Ich denke an milchige Röhrenwürmer, die sich an den Holzsteg schmiegen, knapp unter der Wasseroberfläche und sich im Takt jeder sanften Wellenbewegung wiegen. Ich denke an glitschiges, grünes, algenbewuchertes Schiffstau, an dem kleine Seeschnecken kleben.
„Das ist jetzt schon ganz schön Lovecraft“, kommentiert Fuchs und hätte sicher eine Augenbraue hochgezogen, hätte er über Augenbrauen verfügt.
„Ja, Mensch es ist doch eindeutig, was Schiffe bedeuten. Du fährst von einem Hafen zum nächsten, also von Geburt zum Tod. Und dazwischen hast du mal stürmische See und mal Sonnenschein. Das ist doch ein Symbol, das einfach zu verstehen ist. Das hat doch aber nichts mit Freiheit zu tun. So ein Unsinn immer.“
Als ich mich umdrehe, ist Fuchs schon längst einige Fuchshüpfer weiter weg.
„Wohin gehst du?“, frage ich.
„Woanders hin.“
„Mal wieder? Lass mich doch aber diesmal mitkommen. Ich hasse nämlich Schiffe.“

Erdbeerwagen, ich habe dir vertraut. Ich kann nicht schlafen, weil es regnet, oder ich kann nicht schlafen, weil ich im Auto nicht schlafen kann oder ich kann nicht schlafen, weil ich eigentlich nicht schlafen will. Eine Motte klopft an das Fenster, aber ich lasse sie nicht rein, ich weiß, was Motten wollen, nämlich verwirrt umher fliegen und sich an irgendeiner Lampe die Füße verbrennen.
Mit dem Blick nach draußen weiß ich:
Ich habe einst größer geträumt.
Aber meine Seele hat ihr Gewicht verloren.

Es ist Zeit, zu gehen. Ich hab‘ zu lange gewartet, an den weißen Küsten.
Durch Felder aus Chrom und rostende Heimat, durch Überreste des Tageslichts und auf schwarzen Flüssen und durch Regenbögen hindurch treibt es mich irgendwo hin, vermutlich zwischen die Sterne, fünf Meilen links vom Mond, da wo man noch weiß, dass man Freiheit nicht definieren kann, irgendwo da.
Und vielleicht sehe ich von dort aus zu, wenn Welten gegeneinanderprallen.


Mehr von Constanze Thum findet ihr auf ihrem KeinVerlag-Profil: Judas oder hier: C.M. Thum.

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