Archiv des Autors: Sechzehn Seiten

L’étranger – Kamele

Am Zeitenende
wirds einen fetten Stau geben
vor dem Haupteingang:

Kameltreiber stehen dann
mit den Kamelen der Reichen
vor dem Nadelöhr am Himmelstor.

Drinnen sitzen schon die,
die nicht gewartet haben
– Dauerkartenbesitzer.

Die Kamele warten …


Lyrik von L’étranger findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorenprofil: Létranger.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen mit Philipp L’étranger.

Wort der Woche #64

Bei unseren regelmäßigen Online-Teamsitzungen ist im Laufe der Zeit die Tradition entstanden, dass jemand aus der Runde ein seltenes, vergessenes und/oder nicht aus dem Deutschen stammendes Wort vorstellt. Die Anderen raten daraufhin, was der besagte Begriff bedeutet bzw. woher dieser stammt.

Diese Sammlung möchten wir euch nicht länger vorenthalten und präsentieren daher die Rubrik „Wort der Woche“!

Viel Spaß beim mitraten!

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Sigune Schnabel – Sprache, dieses dünne Land

Das Meer ist meiner Fährte gefolgt
mit Zungen, die erschüttern,
und ich: ein Tier,
das aus der Sprache fällt
in luftgetränkte Welten.

Du stellst dich Wort für Wort
auf Deich und Wege.
Ich greife nur gelegentlich ein Stück.
Mal bist du Wind,
mal Schnee,
mal nur in meinem Kopf,
dem engen.
Um Längen bist du mir voraus.
Ich trinke die Erinnerung
und sinke in das Salz
der Wellen.


Lyrik, Prosa sowie weitere Informationen über Sigune Schnabel findet ihr u. a. auf ihrer Homepage sowie auf ihrem KeinVerlag-Autorprofil: unangepasste.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen mit Sigune Schnabel.

Wort der Woche #63

Bei unseren regelmäßigen Online-Teamsitzungen ist im Laufe der Zeit die Tradition entstanden, dass jemand aus der Runde ein seltenes, vergessenes und/oder nicht aus dem Deutschen stammendes Wort vorstellt. Die Anderen raten daraufhin, was der besagte Begriff bedeutet bzw. woher dieser stammt.

Diese Sammlung möchten wir euch nicht länger vorenthalten und präsentieren daher die Rubrik „Wort der Woche“!

Viel Spaß beim mitraten!

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Lesego Mosupyoe – Kwaito trifft Klassik

(nach einer wahren Begebenheit)[1]

Nach einer knappen Stunde bin ich am Ziel. Eigentlich bin ich enttäuscht, dass die Fahrt schon zu Ende ist. Die interessanten Gespräche im Minibus-Taxi waren sehr erfrischend. Nicht minder erquicklich waren die lebhaften Rhythmen und Melodien des Maskanda, einer Lieblingsgattung vieler Taxi-Fahrer.

Wie vereinbart treffe ich Themba Nkosi an der Hauptstraße in Tshiawelo, einem Stadtteil von Soweto. Heute darf ich einen Blick hinter die Kulissen seiner Musikschule werfen. Themba ist in Tshiawelo aufgewachsen, er kennt hier jeden Winkel. Der Fußmarsch führt an Wohnhäusern, Läden und einer Kneipe vorbei. Uns begleitet eine Sinfonie aus unterschiedlichsten Klängen, Düften, Farben …

Das Musikschulgebäude befindet sich hinter Thembas Wohnhaus. Der Bau wurde mit Unterstützung des südafrikanischen Kultusministeriums finanziert. Der Raum links ist mit Schulbänken und Regalen ausgestattet. Hier findet der Musiktheorieunterricht statt und hier ist auch die hauseigene Bibliothek untergebracht. Der Raum rechts ist für den Instrumentalunterricht und für Proben gedacht. Bis zum Jahr 2016 fand der Unterricht in Thembas Wohnzimmer sowie unter freiem Himmel statt. Dass Gemüsegarten und Hühnerstall dem Musikschulgebäude weichen mussten, stört Themba nicht im Geringsten. Lebensmittel kann man auch kaufen. Der Unterricht beginnt in etwa zwei Stunden. Bis zur Ankunft der Schülerinnen und Schüler machen wir es uns im Wohnzimmer gemütlich. Mein Gastgeber erzählt von der Musikschule und zeigt mir Dokumente.

Die Tshiawelo Music Academy hat Themba gemeinsam mit seiner inzwischen verstorbenen Frau gegründet. Strahlend erzählt er davon, wie seine geliebte Boitumelo mit den Heranwachsenden musizierte und tanzte. „Sie war fantastisch! Die Kinder liebten sie!“ Damals betreute sie die Kinder im Grundschulalter, er die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Heute ist der inzwischen Fünfundvierzigjährige für alle Altersgruppen verantwortlich, gelegentlich assistieren ihm Freiwillige. Auch Themba erhält kein Gehalt, das gleiche galt für Boitumelo. Dafür sind die Spenden und Einnahmen nicht ausreichend. Viele der Schülerinnen und Schüler kommen aus Elternhäusern mit niedrigem Einkommen, folglich wird keine Unterrichtsgebühr erhoben. Aus demselben Grund stellt die Tshiawelo Music Academy den Kindern Musikinstrumente leihweise sowie Lernmaterial kostenfrei zur Verfügung. Der Unterricht findet dienstags, samstags und sonntags statt, jeweils am Nachmittag. An den anderen Tagen arbeitet Themba in der Verwaltung einer Grundschule. Davor hat der Autodidakt diverse Tätigkeiten ausgeübt. „Der Job an der Schule ist ein Geschenk des Himmels“, sagt Themba. „Schon seit meiner Jugend schlägt mein Herz für Bildung.“

Die Entstehung und Entwicklung der fünfzehn Jahre alten Musikschule sind auf Fotos, Urkunden und Programmheften sowie in Skizzen und Briefen dokumentiert. In der Regel legen die Schülerinnen und Schüler mindestens einmal im Jahr eine Instrumentalspiel- sowie eine Musiktheorieprüfung ab. Themba empfiehlt ihnen vornehmlich die Graded Music Examinations der Associated Boards of the Royal Schools of Music. Ferner nehmen ausgewählte Schülerinnen und Schüler an Wettbewerben teil. Im Laufe der Jahre haben sich einige der jungen Menschen für einen musikbezogenen Beruf entschieden. Stolz erzählt Themba von zwei ehemaligen Schülern, die heute in einem Ensemble der South African National Defence Force spielen sowie von einem, der an der Wits University Musik studiert. Einmal im Jahr – meistens Anfang Dezember – findet ein Schulkonzert statt. Veranstaltungsort ist die Light and Grace Church im Stadtteil Diepkloof. „Die Leute lieben unsere Konzerte, die Karten sind immer ausverkauft“, prahlt der sonst sehr bescheidene Themba. Des Weiteren werden die Schülerinnen und Schüler gelegentlich zu Auftritten eingeladen, zum Beispiel in Einkaufszentren oder auf Feiern, was ebenfalls der Musikschulkasse zugutekommt. Zuweilen kooperiert die Tshiawelo Music Academy mit lokal und international tätigen Institutionen oder Personen.

Nun wechselt die Szene in den Unterrichtsraum. Zunächst gilt Thembas Aufmerksamkeit einer Klasse von Anfängerinnen und Anfängern. Heute studiert das Blockflötenensemble eine Bearbeitung einer Verdi-Arie ein. „Im ersten Schuljahr lernt jeder Blockflöte“, erklärt Themba. „Das ist das Fundament. Danach kann man zu einem anderen Instrument wechseln.“ Er selbst beherrscht und unterrichtet sämtliche Blasinstrumente. „Im Prinzip gilt für alle die gleiche Spieltechnik.“ Heute darf ich Themba zur Hand gehen. Mit Sorgfalt wird auf Einzelheiten eingegangen. Die Schülerinnen und Schüler werden sowohl individuell als auch in kleineren Gruppen bedarfsorientiert gefördert.

Als nächstes steht der Musiktheorieunterricht für Fortgeschrittene an. Bei der Ankunft hört einer der Jugendlichen Kwaito-Musik am Handy. Freudig singend dabei mehr tanzend als gehend – betritt er den Unterrichtsraum. Themba, ein paar Kinder und ich stimmen spontan ein. Im Musiktheorieunterricht werden die Jugendlichen auf Prüfungen vorbereitet. Zudem darf jeder, der möchte, in diesem Rahmen eine Eigenkomposition oder Bearbeitung vorlegen. Nach Absprache werden betreffende musiktheoretische Aspekte in den Unterricht integriert, nach Möglichkeit werden die Schülerwerke aufgeführt. So schreibt beispielsweise die sechzehn Jahre alte Lesedi an einem Auftragswerk für einen Chor mit Sitz im 600 km entfernten Durban. „Mein Onkel leitet den Chor, der regelmäßig landesweit auftritt“, erklärt sie. Ein Blick auf die Partitur zeigt einen eklektischen Stil: Einerseits lässt der vierstimmige Satz auf westliche Vorbilder schließen, andererseits erinnert die zyklische Form an afrikanische Musik.

Der zweistündigen Unterrichtseinheit folgen Gedankenaustausch und Abschied. Auf dem Heimweg nehme ich die Kulisse von Soweto kaum wahr. Für mich ist die Erinnerung an Thembas Musikschule viel lebendiger.


[1] Aus ethischen Gründen gebe ich folgende fiktive Namen (anstelle der realen) an: Tshiawelo Music Academy, Themba Nkosi, Boitumelo, Light and Grace Church. Weiterhin sind die realen Einrichtungen jeweils nicht in Tshiawelo und Diepkloof, sondern in anderen Stadtteilen von Soweto gelegen. Die Figur „Lesedi“ ist erfunden.


Hier geht es zu den 16 Fragen an Lesego Mosupyoe.