Archiv der Kategorie: Lyrik

Bastian Kienitz – Die Garnele

noch tanzt du deinen tanz am grund des tiefseebodens noch
schälst du elegant chitin am eis entlang bis es zerfällt

dein fühler streift die blauen salzmeerwogen
doch nun ist alles bloß dass ich entblößt
im glutenteint die schale meiner selbst verlier

du meeresfrucht bist wirklich schön und ganz im nackt
auch tief in mir


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Werner Weimar-Mazur – atomdichter und zungenbecken (canto verbano)

zog hallgrím an den gletscher
und log gedichte
über die geburt der basalte
reiste ugla die henne
im gepäcknetz vom nordland nach reykjavík
kam unter die räder eines straßenkreuzers
und verlor ihr leben
da weinte das wollgras

wir lagen im gletscherbett
an seinem grund schlief der see
die berge ringsum
waren nunatakker
die inseln geschliffen
geschleifte drumlins
trieben wie boote dahin

ich ertastete deinen finerokörper
grünes gestein
das sich geschält hatte aus seinem erdmantel
trug ich stimmen in die wälder
schürfte sich seine haut wund an der erdkruste

lief die schwarze katze von links ins bild
konnte das gedicht gelingen

erweiterte ich meine sammlung um eine muschelschale
legte sie zwischen das pfennigstück
und das welkgepresste
blatt eines bergahorns

wog hallgrím das gewicht des mittelatlantischen rückens

(aus: Werner Weimar-Mazur: heimwehe. gesänge. Edition Offenes Feld (Hrsg. Jürgen Brôcan), Dortmund, 2022)


Jede Menge Lyrik, Prosa und mehr von Werner Weimar-Mazur findet ihr auf seiner Homepage: weimar-mazur.de

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blumenleere – loggin‘ ur immersion heat

[…] what are u running from? what do
u miss? tell me what do u crave? how do
u feel? […] – hasdallen lights; yves tumor

bleibe mirage in allen moeglichen welten
das verbindungsglied between nomadism
& dreams traegt seine leeren identitaeten
like rainbow colours auf wuesten visagen
hinter gehoernten masken verborgen nur
deine persona is was & will be ur dancing
around lost visions of ancient ceremonies
als flatterhaftes etwas aus distanz & naehe
zum tod while life keeps on burnin‘ away
schreibst du dich ein hinter fahlen steinen
deren hinfortrollen blinde spuren erzeugt
u embrace loneliness’s kisses jene kanaele
von vermehrungskulten ad zeichenreigen
wodurch linguistik ihre dezentralisierung
erfaehrt bis du code dann & implodierend
zu eins & zero as if dazwischen wirklicher
one dieser besagte unterschied waere also
nun reiner & absolute differenz geworden
suddenly wieder dein dortsein hier fuehlst


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I. J. Melodia – Briefwechsel

Einst schrieb ich dir Briefe
vom Schnee und unserem ersten Sehen

Der Frühling brachte Grün und Leid
Kummer verging mit dem Schmelzwasser
in Lachen aus Salz und Streu

Meine Briefe flogen davon
mit den Zugvögeln im Herbst

Der Winter brachte abermals Schnee
doch sah ich dich nie mehr


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