Archiv der Kategorie: Lyrik

Philipp Schaab – Herbstlaub, Totholz

Von Blut sind weiße Westen rot befleckt,
Verschmutzte Fingerspitzen zitternd tasten,
Die Unschuld suchend, im Serviettenkasten.
Von Leichen sind die Straßen überdeckt,
Gehäuft wie Totholz nach dem Baumentasten.

So liegen sie in Massen kreuz und quer,
Gekrümmt wie Herbstlaub an Novembertagen,
Erschossen, abgestochen, totgeschlagen.
Vermummte mit Macheten und Gewehr,
Ersticken jedes Wimmern und Wehklagen.

An Stricken drehen Tote sich im Kreis,
Wie schwere Fahnen träge zu Paraden
Hoch an Laternen oder Balustraden,
Die Farben wechselnd, hin zu grau und weiß,
Erzittern sie vom Schlag der Kanonaden.

Aus einem Keller dringt ein Schrei heraus,
Versucht mit Aschewolken aufzusteigen,
Bricht plötzlich ab, fällt in ein Loch aus Schweigen,
Soldaten werfen einen Leib hinaus,
Dem Hunde hungrig ihre Zähne zeigen.

Die Raben aber ruhen friedlich satt.
Der Abend legt sich auf die Kriegsroutine,
Im sanften Klang der Glocken, Muezzine
Kühlt ab die kampfesschwüle Leichenstadt
Und irgendwo tritt wer auf eine Mine.

Gemächlich schleppt sich hin der Untergang,
Die Kommandeure, stolz wie Silberrücken,
Verschießen Kugelsalven voll Entzücken,
Sie sagen sich, der Krieg geht nicht mehr lang
Und flüchten hastig vor dem Schwarm der Mücken.


Lyrik, Prosa sowie weitere Informationen über Philipp Schaab findet ihr auf seiner Homepage: Gewitterdämmerung sowie auf seinem KeinVerlag-Autorprofil: HerrDerSchädel.

Sturmvers – mit mir 2.0

ausgedämpfte Zigaretten
aufgereiht wie leere
Patronenhülsen
neben mir auf
der Parkbank

gezielte
kleinkalibrige Schüsse
gegen das Leben

ich bin fertig
mit mir

durch
für heute

und das
Brennen in
der Lunge

zeugt von der
olympischen Fackel

es wird November
und die Spiele
haben begonnen


Jede Menge Texte und Lyrik von Sturmvers findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorenprofil: nautilus.

Diana Jahr – unter uns und den bäumen

im gespräch mit dem durstenden farn
und dem holunder am gartenrand
etwas ist anders

der wald ist licht
und die wolken
haben das regnen verlernt
ein regen ein reh

im mageren unterholz
wohl einem märchen entsprungen
unser stelldichein

verhallt im wind

morgen verspreche ich
komme ich wieder


Lyrik und Prosa von Diana Jahr findet ihr auch auf ihrem Blog: verssprünge.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen an Diana Jahr.