Archiv der Kategorie: Prosa

Johannes Tosin – Gotteswerk

Die Menschen waren unzufrieden im Jahr 6026. Im Jahr eins erschuf Gott die Welt, wie allgemein bekannt. Für die Christen entspricht das Jahr 6026 dem Jahr 2022 ist. Die Menschen der ersten Jahre nach der Schöpfung hatten Glück, dass sie die Dinosaurier überlebten. Ihrem grobschlächtigen Kollegen Neandertaler machten sie auch den Garaus. Nun ja, mit ein paar wenigen von ihnen pflanzten sie sich sogar fort. Doch nun war die Erde übervoll von den Menschen. Die meisten lebten in den Städten, die immer weiter anwuchsen, Gigacities, deren Bewohner sich entfremdeten. Es gab immer weniger zu tun. In der langen Freizeit schluckten viele Oxy, hinterher spürten sie nicht mehr, auch sich selbst nicht. Es gab etliche weitere Punkte, die kaum jemandem gefielen.

Kurzum, die Menschen waren unzufrieden, deshalb schickten sie ihren gewählten Vertreter Lollo zum lieben Gott. „Lieber Gott, wir hätten gern ein anderes Leben“, sagte Lollo. „Aha“, sagte der liebe Gott, „wie wäre es euch denn recht?“ „Ja, so wie ganz am Anfang, würde ich sagen“, sprach Lollo. „Wie im Paradies?“, fragte der liebe Gott. „Grundsätzlich schon, ich denke, das wäre ganz in Ordnung für uns“, sagt Lollo. „Dann sei es so“, sprach Gott.

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Alina Becker – Nur die Fliegen, die Fliegen nerven so!

Eigentlich war es ein schöner Sommer, dachte er und griff zur Fliegenklatsche. Der mit dem blauen Griff, aber er hatte noch zwei andere, eine rote und eine schwarze, wo die war, wusste er nur nicht mehr.
Das kleine Tierchen hatte sich auf den Küchentisch gesetzt, direkt neben sein Mittagessen, Spinat und Kartoffelpüree. Die Fischstäbchen waren verbrannt, als er auf der Jagd nach vier Fliegen gewesen war, die sich heimlich in die Küche geschlichen hatten. Eklige Biester. Derentwegen hatte er die Fischstäbchen wegwerfen müssen.
Diese Fliege war die fünfte heute. Nur in der Küche. Vorsichtig hob er die Fliegenklatsche. Verharrte einen Moment. „Bye, bye“, flüsterte er und ließ das Kunststoffgitter unvermittelt auf das arme Tier niedersausen. Drückte noch einmal extra zu, presste es zu Matsch.
Zufrieden ließ er die platte Fliege platte Fliege sein und begann zu essen.

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Christiane Portele – Gedankenplätschern und Gedankenflüge

Wenn sie an einem dieser diesigen Frühsommertage aufs Meer sah, so schien die Horizontlinie zu verschwimmen, die Grenze zwischen Wasser und Luft sich aufzulösen, Meer und Himmel ineinander überzugehen. Wie auf einem Gemälde, wenn ein feiner Strich immer blasser wurde und irgendwann nicht mehr zu erkennen war. Die Farbschattierung näherte sich zu dieser nicht mehr vorhandenen Linie hin aneinander an, wurde zu einem gemeinsamen Farbton. War der Himmel pastellfarben, ein weiches, wässriges Blau, das Meer hingegen ein kräftiges Türkis, so schien der Himmel zum Meer hin kräftiger, das Meer zum Himmel hin feiner zu werden, bis sie sich vermengten, zu einer Farbe verschmolzen.

Sie stellte sich dann vor, wie Luft und Wasser zu einer Masse, einer Mischung wurden, einen Aggregatszustand teilten, ineinander zerflossen, nicht mehr Flüssigkeit noch Gas, ein einheitliches Gemenge. Vielleicht jedoch wirbelten auch ganz feine Tröpfchen mitten durch die Luftmoleküle hindurch. So fein, dass alles wie eins erschien.

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Sturmvers – Area 51

Landung in einem grünen Plattenbau. Stoße auf frisch renovierte Räume und Zeit. Was tun, wenn du auf einmal alles darfst, ist die Frage. In mir ein unheimliches Echo. Der Widerhall verzerrter Worte. Sie wandeln sich, werden durch Einsamkeit gefiltert. Es wird dauern bis ich diese Melodie verstehe. Bis aus dem
Technosound der Zeiger der Klang eines Metronoms wird. Ich takte mich auf verdammt
nochmal mich. Leidenschaft wird Leiden, schafft und Schaffen entwickelt sich zu Zufriedenheit. Merke die Sonnenstrahlen des Frühlings und die Färbungen des Herbstes. Wenn ich traurig bin, dann um meiner selbst willen und mit den kommenden Zeilen schrumpfen die Geister der Vergangenheit. Ich will hier meinen Frieden machen. Ein Stockwerk unter mir eine junge Familie. Vielleicht eines Tages auch ich, als Vater in 2.0. Hier ist es ausgestorben, hier ist es ausgestorben und mit dem Rücken zur Gasse wuchs der erste Löwenzahn.


Jede Menge Texte und Lyrik von Sturmvers findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorenprofil: nautilus.

Anna-Maria Ziegler – 100% Fluffy Human

Er ist groß, er ist stark, er hat nen schwarzen Hut und Anzug an. Schlips mit Inschrift: „100% fluffy human“ und Zigarre, blickt durch coole schwarze Mafiagläser in die Kamera der Zukunft:
Er wartete auf das Zeichen.
Er rückte Schlips, Brille und Hut zurecht.
Er wartete auf das Zeichen.
Er qualmte noch eine.
Er wartete auf das Zeichen.
Er räusperte sich, so wie Bären sich eben räuspern: »WAS DAUERT DAS DENN SO LANGE?!«
Aus dem Handy des Assistenten kam folgende robotische Übersetzung: »Was dauert das denn so lange.«
Die aggressiv klingende bärische Sprache in menschliche Sprache zu übersetzen, erzeugt manchmal sonore Töne, die zwar schön klingen, aber nicht die richtigen Emotionen wiedergeben – was oft zu Missverständnissen führen kann. Besonders, wenn es um ein Werbevideo geht. Die Assistenten entschieden sich dafür, den Sprachübersetzer wegzulassen und stattdessen Untertitel zu benutzen. Untertitel würde jeder lesen können und die Mimik und Gestik des Bären zu verstehen, war schon kein großes Kunststück – seiner selbstbewussten Schnauze konnte man jedes Wort ablesen.

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