Archiv der Kategorie: Lyrik

Bastian Kienitz – Alles fließt V

Am Fluss, wo die Dünen und meine Gedanken…
versandet der Raum auch ohne die Schranken,
fast wasserfallartig durch Tosen der Zeit
mit Baumreflektionen am Leben verzweigt

und stößt an die Grenze und malt uns ein Bild,
verworren, bizarr, wie in Nebel gehüllt,
steigt auf und verweilt einen kurzen Moment
inzwischen als Geist, der kaum Festes erkennt,

um dann auf der Fläche verschwommen zu wirken
und ich nebenan hör das Rauschen der Birken.
Sie lehnen sich an, mit dem Wasser voraus
zerfließe auch ich im gesamten Verlauf.


Lyrik, Haiku, Aphorismen und mehr von Bastian Kienitz findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorprofil: wa bash.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen mit Bastian Kienitz.

I. J. Melodia – Zikadenhaut

Ich fühle mich nicht mehr –
im Wasser gewurzelt

Mit meinen Händen grabe ich
nach der Ader
nach dem Harz deiner Rinde

Lege ab, deine alte Zikadenhaut
werde Morgentau, mein Atem
Von der Laichzeit
bis zum Schneetreiben


Lyrik, Haiku und mehr von I. J. Melodia findet ihr auf seiner Homepage und auf seinem KeinVerlag-Autorprofil: Melodia.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen an I. J. Melodia.

Sigune Schnabel – Kälte

Deine Sprache bereitet sich
auf den Winter vor.
Trocken hängen Worte
in der Luft,
dass ihre Silben
nicht gefrieren,
wenn der Nachtfrost kommt.

Noch einmal lege ich
auf deine Schulterblätter
die Hände,
gerötet vom Herbst.

Schon bald verfangen sich
die Laute
in der Landschaft
wie Schnee.


Sigune Schnabel ist eine mehrfach preisgekrönte Lyrikerin. Ihr aktueller Gedichtband „Auf Zimmer drei liegt die Sehnsucht“ erschien Anfang Mai. Davor erschienen bereits die Bände „Apfeltage regnen“ (2017) und „Spuren vergessener Zweige“ (2019).

Lyrik, Prosa sowie weitere Informationen über Sigune Schnabel findet ihr u.a. auf ihrer Homepage sowie auf ihrem KeinVerlag-Autorprofil: unangepasste.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen mit Sigune Schnabel.

L’étranger – Highway to hell

Vorübergehend geschlossen …
steht auf dem Schild am Eingang,
und auf der Bühne streicht die Zeit
gelangweilt über schmale Polstersitze,
schlendert durch die leeren Garderoben
quer durchs Foyer hinaus zu größeren Bühnen.

Romeo macht heute Homeschooling,
Julia chattet mit ihrer Freundin,
der eingebildete Kranke
erscheint
in keiner Statistik.

Im Theaterkanal ein Standbild aus Washington:
Endzeitchaos – alle Vorstellungen ausverkauft,
liest man darunter – durchlaufend.

Die Evangelien behalten endwärts recht.
Wenn man die frohe Botschaft kennt,
ist Apokalypse ganz erträglich.
Marx war der letzte Prophet,
und Rosa Luxemburg.

Auf spruchweisheiten.de liest man zum heutigen Tage:
Leben kann man nur vorwärts – kein Weg
führt jemals zurück in bessere Zeiten.

On the highway to hell.


Lyrik von L’étranger findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorenprofil: Létranger.

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Bastian Kienitz – Nachtlider

Himmel, du

In meinem Himmel ist es rot gefärbt:
vom roten Mohn, der auf den Feldern liegt.
Ich zupfte ihn mit dir. Was daran blieb
brach in der Nacht am regennackten Herz,

ins Licht gelöst, dann gab ich dir die Hand.
-die sich ein kleiner Junge zügig nahm-
Ich weiß nicht mehr wie er zur Pforte kam,
verwischte Schemen habe ich erkannt …

Dahinter

dann kamen Tage wie der Herbst. Im Regen
ging auch das letzte Feld den Weg zum Schlaf.
Das Blatt, es fiel hinein ins kleine Schweben,
umarmt vom erdennahen Traum und brach

auf meinem Regenschirm. Die nasse Kleidung
verband sich mit dem trägen Feld. Es lag
ein leichter Nebel in dem Traum vom Leben,
dahinter war der Pfad vom Regen nackt …

Erntezeit

wie Sonnenlicht aus Traum das kalte Wasser,
geschälte Äste fremder Phantasien.
Den Weg geht heute niemand, hinterm Feldein
verwandelt sich die Landschaft und wird Wald:

zum schmalen Weg gebogen in die ganze Weite
zerbricht die Hülle scheu den schwarzen Wolf.
Das Reh wiegt seinen Ruf im Augenlichte
und treibt die wilde Liebe in das Heu.


Lyrik, Haiku, Aphorismen und mehr von Bastian Kienitz findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorprofil: wa bash.

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