Archiv der Kategorie: Lyrik

Renan Cengiz – Rast auf halber Höhe

Oben Berge, unten Zwerge
In der Mitte kleine Tritte
Tiefentaumel, Höhenrausche
Drahtseiltänze, Felsspreizschritte.

Nein, er will noch nicht nach Hause
Zu sehr kitzeln ihn die Gipfel
Nur schnell diese eine Pause
für ein Bier und ein Gekritzel.


Texte, Musik und mehr von Renan Cengiz findet ihr auf seiner Homepage und YouTube sowie auf seinem KeinVerlag-Autorprofil: RomanTikker.

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Bastian Kienitz – Figure dans un Fauteuil

Bleib besser still, wenn dich Gezeiten rufen
die grau in graumeliert sich schleichend zeigen
und patrouillierend deine Nähe suchen;
Sei besser still, zurückgelehnt und schweige

wie dieser Sessel, schweig zum Staubpartikel
verpackt und eingehüllt, starr an die Wände
die näher kommen und den Tag verhüllen
und wasche sie in Unschuld, deine Hände.

Putz Glanz am Boden, der uns niederdrückte
auf dessen Wiese wir vor vielen Jahren
nach Sandkörnern und Tiere lebend suchten
bis wir uns nicht mehr aus den Häusern wagten.

Wir waren still, Stillleben grau und schwiegen
wie dieser Sessel, in dem wir sitzen blieben.


Lyrik, Haiku, Aphorismen und mehr von Bastian Kienitz findet ihr auf seinem KeinVerlag-Autorprofil: ginTon.

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Jane Wels – Morgendliches Traktat

Trümmer liegen neben stummen Zungen.
Münder reichen sich die Hand.
Schweigen ist Wangenkuss genug.
Sätze abhacken!
Klatschen Sie für die Requisiteure!
Meine Verehrung für das Wort aus fliegenden Federn.
An seinen Worten nagt der Hunger.
Pustet ihm Fallschirme unter die Arme!
Jenseits der Grenzen wartet schon ein neuer Krieg.


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Werner Weimar-Mazur – vogelmenschen sprechen armenisch

Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen.
(aus Katerina Poladjan: Hier sind Löwen. Roman, Frankfurt a.M., 2019)

kaukasische verse strömen durch unseren garten

wir zählten walnüsse mandeln aprikosen
häuften sie zu seltenen erinnerungen gefühlen
die uns überkamen beim anblick ausgetrockneter flussbetten
nur an den quellen in den bergen
führten die flüsse wasser in den weiten ebenen
den städten fielen sie trocken
wir zählten granatapfelkerne am himmel flugzeuge
häuften sie zu stimmen unserer ahnen
die erzählten vom meer
dem die flüsse keine wasser brachten sondern leid
und flüsterten von kämpfen und kriegen
und sprachen vom meer

walnuss mandel aprikosenbäume säumten die straßen
als wir hinausfuhren aus der stadt in die dörfer
sangen die gräser traurige lieder
weinten die mönchsgrasmücken die trauermäntel mit ihnen
stimmten wir ein in gesänge aus einer alten zeit

der wind ging kalt
durch die wälder zogen manifeste
minenräumkommandos
suchende findende blicke von liebespaaren
die sich trafen unter den zweigen der wilden aprikosen

das wetter war wie geschaffen für vogelmenschen
für das korn auf den feldern das sich wiegte
in unseren armen
die wir ausbreiteten zu flügeln
über landschaften flogen vergangenheiten

wir lagen nebeneinander
unsere federkleider raschelten bei jeder berührung
nachdem der regen aufgehört hatte
erhoben wir uns und schritten majestätisch
dass sie uns schützten vor unseren schmerzen

in der ferne erschien der ararat im schnee

manchmal träume ich davon
dass noah am ararat vorbei fährt
auf der suche nach einem besseren platz

(aus: Werner Weimar-Mazur: vivisektionen. Gedichte. Edition Offenes Feld (Hrsg. Jürgen Brôcan), Dortmund, 2022)


Jede Menge Lyrik, Prosa und mehr von Werner Weimar-Mazur findet ihr auf seiner Homepage: weimar-mazur.de

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Christiane Portele – Für den Frieden

Gegen die Raketen
Vögel, die den Himmel mit Gesang erfüllen
Gegen die Gewehre
Rehe, die sich schüchtern aus der Deckung wagen
Gegen die Panzer
Schmetterlinge, die in der Sonne tanzen
Gegen die Zerstörung
Rosen, die sich über Trümmer ranken
Gegen den Hass
tröstende Umarmungen
Hände, die sich ineinander verschränken
sanfte Worte
Liebe, in die wir uns fallen lassen können
über alle Grenzen hinweg
Gegen das Töten
die Unschuld der Kinder
das Vertrauen, dass die Menschlichkeit alle Kriege überlebt


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