Archiv der Kategorie: Prosa

Alina Becker – Als Lily ein Drama schreiben wollte

Ein oberflächlicher Betrachter könnte glauben, dass Lily lernt, so tief hat sie den Kopf über ein dickes Buch gebeugt, doch an der Art wie sie die Lippen bewegt sehe ich, dass sie wieder einmal in irgendeiner Geschichte versunken ist.
„Lily.“ Ich klopfe mit der Hand auf das Buch. „Schläfst du?“
„Nein“, sagt Lily und zieht das Wort in die Länge. Na-hain.
„Aber du lernst auch nicht“, stelle ich fest, und Lily zuckt die Schultern, verneint diese Feststellung aber nicht. „Was machst du dann?“, frage ich.
„Ich schreibe“, sagt sie.
„Du hast keinen Stift und kein Papier“, erinnere ich sie.
„Wozu auch?“, fragt Lily. „Die ganz großen Dramen entstehen erst einmal im Kopf.“

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Bernhard Zilling – Was gut klingt

Was so gut klingt wie ein Xylophonholz, nachdem es zum Klingen gebracht worden ist, war in meinen von plötzlichem Glück überfluteten Augen sonnig schimmerndes Gold. Und zugleich umso überraschender, da an diesem Morgen die Wolken am grauen Himmel aus der zu dieser frühen Tagesstunde noch zu keinem anwesenden Publikum hin offenen Orchestermuschel weichen wollten und sie von einem so schmutzigen Grau waren, dass es jedem Menschen wie ein Wunder vorkommen musste, dass aus derart hässlichen Himmelsformationen ein so unschuldig weißer Schnee auf die Erde fallen konnte und sicher auch bald fiel.

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Felix Anker – In einem Land ohne Ohren sind die Tauben Vögel

Wir warteten bereits eine halbe Stunde im Novemberregen auf unsere Mitfahrgelegenheit, als Anna ihren Schal ein weiteres Mal um den Hals wickelte und dichter unter meinen Schirm rückte.
„Denkst du, er kommt noch?“
Daran hatte ich keinen Zweifel. Ich zog eine Zigarette aus meiner Manteltasche und zündete sie an. Kaum hatte ich den ersten Zug genommen, war unser Warten vorbei. Wankend kämpfte er sich durch den Novemberwind bevor er – mit mäßiger Eleganz – landete.
„Guten Abend Sir, Madam, ich entschuldige mich durchdringlichst für meine Verspätung, aber Sie sehen, was da heute los ist.“ Er deutete mit seinem Schnabel zum Himmel und schüttelte die Tropfen aus seinem Gefieder.
„Keine Vorwürfe, Mr. Fuckenstein. Wir sind nicht in Eile. Hauptsache, Sie sind heil angekommen.“
Ich half Anna auf seinen Rücken, bevor ich mich hinterherzog. Mr. Fuckenstein justierte seine Schwanzfedern und stieß sich vom Boden ab. Langsam, und so majestätisch, wie es nur Tauben vermögen, erhob er sich in die stürmische Nacht. Weiterlesen

Johannes Tosin – Saunaschinken

„Er isst!“, sagt die BILLA-Mitarbeiterin Frau Schmidtbauer zur Filialleiterin. „Wie?“, fragt sie, „Wer isst was?“ „Der alte Mann dort mit dem zauseligen Bart“, sagt Frau Schmidtbauer, „er hat zuvor ein Laugenstangerl und ein Mohnweckerl gegessen. Jetzt hat er eine Packung Hofstädter Saunaschinken geöffnet, 100 Gramm um 2,19 Euro.“ „2,19 Euro waren es letzte Woche, jetzt kostet er 2,39 Euro“, sagt die Filialleiterin.

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Andrea Tillmanns – Luises Lied

Spiel ein Lied für mich, sagt sie.
Yesterday mag sie am liebsten. Ich probiere Verzierungen, kleine Triller, zaghafte Improvisationen.
Heute spielst du besonders schön, sagt sie wie an jedem Abend und schläft lächelnd ein.

Luise ist ein hübsches Mädchen, mit ihren vierzehn Jahren schon sichtbar auf dem Weg zur Frau. Auf den ersten Blick sieht man ihre blonden Ringellocken, die Stupsnase und den etwas zu großen Mund, und erst, wenn man die verwachsenen Finger ihrer abgeknickten rechten Hand bemerkt, denkt man an Medikamente oder andere Ursachen. Dass Luise sehr allein ist unter den jungen Leuten hier, erkennt man da noch nicht.

Kennst du den Text dazu? fragt sie in der zweiten Woche.
Ich lege meine Gitarre beiseite und suche das Liederheft.
Aber das Singen musst du übernehmen, sage ich und schlage die richtige Seite auf.
Nur wenn du mitsingst, grinst sie. Aber das hat sie nach den ersten Tönen schon längst vergessen.

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