16 Fragen an Renan Cengiz

Wir freuen uns, euch erneut jemand Neues auf den 16 Seiten vorstellen und wie immer erfolgt das anhand einer kleinen Selbstvorstellung und der 16 Fragen.

Viel Spaß beim Kennenlernen von Renan Cengiz:

16 Fragen an Renan Cengiz

Renan Cengiz wirkt und arbeitet als freier Künstler, Publizist und Kulturschaffender in Rheinberg am linken Niederrhein. Das Schreiben und die Musik verfolgen ihn seit Kindertagen, vernunftgetriebene Exorzismen zeigten keine Wirkung, und mittlerweile sind Hopfen und Malz verloren an Bragi, Bastet, Saraswati und wie sie alle heißen.

Gemeinsam mit seiner Partnerin Manu Bechert macht Renan die niederrheinische Kulturlandschaft und die Straßen Europas unsicher, daneben schreibt er, was man so schreiben kann und vagabundiert sich erfolgreich durch die Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz. Mehr über ihn und sein Tun ist zu finden unter www.renancengiz.de, noch mehr im Linkbaum unter https://bit.ly/m/renancengiz.

16 Fragen an Renan Cengiz

  1. Wann stehen Sie morgens auf, wann gehen Sie abends schlafen?
    Das ist sehr verschieden. Ich bin schon zu jeder Tages- und Nachtzeit aufgestanden oder schlafen gegangen. Oder aufgestanden – etwa um irgendwas nach vier von dieser siffigen Eckcouch im hinteren Winkel der illegalen Heuschoberparty, auf der Jan Böhmermann einmal Sebastian Sturm geküsst hat –, um in der Morgendämmerung nach Hause zu laufen und schlafen zu gehen (oft genug auch schlafend zu gehen).
  2. Wenn Sie eine Zeitung aufschlagen, lesen Sie zuerst den Sportteil oder das Feuilleton?
    Ich lese nur den Lokalteil und begründe das mit Hiphopherre’scher Dialektik: Das Große spiegelt sich im Kleinen. Über die für mich wirklich wichtigen Sport- und Kulturereignisse (Bierpong am Spanischen Vallan, Rave unter der A57) lese ich in der Zeitung sowieso nichts.
  3. Wirklich anspruchsvollen Menschen ist Glück gleichgültig, vor allem das der anderen.“ (Bertrand Russel) Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
    Russel hat viel über das Glück bzw. Glücklichsein geschrieben. Etwa: „Fundamental happiness depends more than anything else upon what may be called a friendly interest in persons and things.“ Da beißt sich die Katze in den eigenen Bertrand. Ob sie damit glücklich ist? Ist mir für den Moment gleichgültig, würde mich dahingehend am ehesten mit Schrödinger beraten.
  4. Welche Genüsse gönnen Sie sich im Alltag? Welche sind für Sie besonders?
    Zeit mit meiner Frau, wilde Partys (ab zwei Personen), lecker Kaffee am Morgen und natürlich einen Herbtini, weltweit nach gutem Essen. Besondere Glücksmomente bescheren mir musikalische Jams, die die neunte Pforte aufzustoßen vermögen, und alle Arten von Ekstasen – vom Runner’s High über Schreibwut bis hin zu na-sie-wissen-schon. Und deftiges Essen.
  5. Welches Buch/Album haben Sie zuletzt gelesen/gehört, wie hat es Ihnen gefallen?
    Ich lese gerade „Der Unendliche Spaß“ von David Foster Wallace (Rowohlt, 2011). Da muss man sich durchkämpfen, ich habe noch einige Scharmützel vor mir, bin aber beeindruckt, angetan und vor den Kopf gestoßen von diesem gigantomanischen Bollwerk in all seiner sprutzelnden Struppigkeit. Davor habe ich mich endlich durch Shea & Wilsons „Illuminatus!“-Trilogie gekämpft (Rowohlt, 1997), was sich sehr gelohnt hat, und dazwischen habe ich zur Auflockerung „Heiß ist die Liebe, kalt ist der Tod“ von Manfred Rebhandl weggebased (Haymon, 2017).
    Das letzte Album, das ich am Stück gehört habe, ist „Facelift“ von Alice In Chains (1990), eine meiner Lieblingsbands (was aber sehr an den verstorbenen Layne Staley gebunden ist); die letzte Neuentdeckung war die Single „Real Nice Moment“ von KNOWER (2023), einer verspielt-verrückten Truppe, die man mal hören kann, wenn man ungewöhnliche Musik und modernen, funk-infusionierten Jazz mag. Nachtrag: Unbedingte Hörempfehlung außerdem: „Beautiful and Tragic“ von Adam Neely & Ben Levin feat. Justice Cow einschließlich des gleichnamigen Albums Wow!
  6. Wer oder was inspiriert Sie und weshalb?
    Als junger Erwachsener hatte ich einige sehr ernsthafte praktische Unterredungen mit dem Leben, dem Tod, dem Universum und dem ganzen Mist, und von diesen Streifzügen zu den Antipoden des Bewusstseins zehre ich bis heute. Meine innere Natur, die Natur des Menschen, die Natur um uns herum und schließlich die noch eben erahnbare Natur des Alls sind mir Feder und Nut, Stil und Borsten, Entweder und Oder, Welle und Teilchen. Im Alltag ist es zumeist konkrete, gewirkte Kunst, die mir Impulse gibt: Lieder, Textzeilen, Melodien, ein fallendes Blatt, Ideen und die Leben und Biografien derer, die solches verzapfen. Auch Konzepte turnen mich hier und da an einzutunen und bisweilen auszudroppen: Von Wabi-Sabi und anderen ästhetischen Leitplanken über Konstrukte aus Philosophie, Naturwissenschaft und Mathematik bis hin zu diversen Dekonstruktivismen, um der ganzen Ordnung eine realistische Portion Chao entgegenzusetzen. Kallisti!
  7. Wie wichtig finden Sie Kontakte zu anderen Künstlern?
    Auf einer Skala von √2 bis π wäre ich bei ungefähr ℇ. John Frusciante meinte mal, es gebe für Gitarristinnen nichts Besseres, als Zeit mit anderen Gitarristinnen zu verbringen – ich finde, das hängt schon sehr davon ab, wer genau das ist. Trotz dieser Einschränkungen und einem gewissen Hang zur Eigenbrödelei: Es ist schon schön, mit anderen Kunst-Otakus rumzunerden oder in gemeinsame Schaffensprozesse einzutauchen; der Großteil der Arbeit und des Ausdrucks passiert mir trotzdem im Stillen.
  8. Wie würden Sie Ihren typischen künstlerischen Schaffensprozess beschreiben?
    Entweder spontan und weiten teils improvisiert. Oder lang, lax und unorganisiert. Oder lang, streng und verkopft. Es hängt sehr davon ab, wer, wie, wo, was und warum ich gerade bin. Und ob mir jemand dafür Geld bezahlt und eine Deadline setzt.
  9. Wie viel Zeit wenden Sie täglich für Ihre Kunst auf?
    Unmöglich zu sagen, da viel im Hinterkopf vor sich hin brodelt. Und überhaupt: Wo fängt Kunst an, wo endet sie? Ein mathematisches Mittel würde je nach Ansatz wohl zwischen im Schnitt 15–150 Minuten auskommen. Es gibt Tage/Nächte, da mache ich nichts anderes, und es gibt solche, an denen Kunst kaum eine Rolle spielt.
  10. Wie gehen Sie mit Schaffenskrisen um?
    Einfach liegen bleiben und laufen lassen. Haha. Eine Krise ist per Definition Teil des Prozesses und nur der Gipfel vorangegangener Herumstolpereien. Wer ein so großes Ego hat, dass er/sie meint, jemals nicht in einer Schaffenskrise zu stecken, hat meine Bewunderung und mein Mitleid sicher. Andererseits darf man sich Sisyphos ruhig als glücklichen Menschen vorstellen.
  11. Verfolgen Sie klare Ziele in Ihrer Kunst?
    Ich orientiere mich an einem strikten Fahrplan, den ich mir selbst ausgedacht habe: Stets geradeaus und ab Surd immer im Kreis. Aber natürlich ist da der Wille zum Ausdruck in mir: von kosmischen Gesamtheiten, persönlichen Gefühlen und Beobachtungen; außerdem die egozentrische Zurschaustellung, der Wunsch nach Bestätigung (inkl. des gesamten Haller’schen Komplexes) und die plumpe Freude am Tun. Im Übrigen finde ich es super, wenn Kunst
    br
    ich
    t.
  12. Beschäftigen Sie sich mit Ihrem eigenen Tod?
    Ja, vita est morte est vita. Ich versuche den mori zu mementoen, meinen und den der anderen, um den diem ordentlich zu carpen. Dabei hatte ich gar kein Latein!
  13. Woran glauben Sie und warum (nicht)?
    Ich glaube an die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, die Macht und Beschränktheit der Sinne und des Intellekts, die Wildnis, das Mandat des Humors, die Fesseln der Freiheit, die Kraft der Liebe und des Todes und des Finanzamts und dass Pinkeln gratis sein sollte. Ich glaube nicht an gefabelte Fieslinge, normierte Narrative, moralische Mandate (und ihre Miliz) und an Sanifair. Begründung: Alles selber so erlebt.
  14. Wann haben Sie sich das letzte Mal geschämt und warum?
    Die gute Nachricht vorweg: Es weird immer besser! Scham ist – neben Schuld und Angst – eines der großen Hemmnisse auf dem Weg zur Freiheit: Wer sich schämt, kann leichter beherrscht werden, ob von inneren Zwängen wie dem lieben Gott oder äußeren wie der Sittenpolizei oder Tiktok. Der Bereich, in dem meine Scham noch am stärksten verwurzelt ist, ist die Sexualität (die sehr viel Befreiung nötig hat, um richtig Spaß zu machen) und das Teilen und Mitteilen der eigenen selben – in diesem Kontext ringe ich bis heute immer wieder mit Schamgefühlen, habe die letzten Wettkämpfe aber siegreich verlassen. Details demnächst bei Onlyfans.
  15. Wie wichtig sind Ihnen Manieren im Alltag?
    Ziemlich egal. So lange die Intention des Gegenübers stimmt und sie/er zugänglich und offen ist für einen Prozess, der gegenseitiges Verständnis und das Beachten individueller Grenzen ermöglicht, kann Mensch sich verhalten, wie Mensch will. Authentizität geht mir vor Freundlichkeit und die noch dreimal vor Höflichkeit. Das Leben ist zu kurz für lange Stelzen und graugesichtige Aneristik, dann lieber umsichtig gestolperte Anarchie.
  16. Welche Ihre Eigenschaften sind Ihnen am wichtigsten?
    Ich glaube, ich kann mit meiner Lebensweise die Welt ein bisschen weniger schlechter machen als es heute üblich ist. Vielleicht schaffe ich sogar punktuell kleine Verbesserungen. Aber seien wir mal ehrlich: Das sind Worte, die einen besser schlafen lassen, aber Heuchelei in den Ohren derer, auf deren Rücken meine Privilegien drücken – alle Lebewesen eingeschlossen (auch Wiesel, Kiesel und Bachgeriesel). Damit es nicht so erdrückend endet, hier noch eine Poesiealbumantwort: Am meisten mag ich an mir meinen Humor, meinen Willen zu hinterfragen, voranzuschreiten und Sätze bis zum Ende zu.

Vielen Dank für die Beantwortung der 16 Fragen, Renan Cengiz!

Hier gelangt ihr zum Archiv der 16 Fragen mit allen bisher veröffentlichten Ausgaben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert