Archiv der Kategorie: Prosa

Minze – Eingriff

Er sieht mich nicht an, als ich dastehe, zumindest scheint es so. Eigentlich sehe ich ihn direkt an und er ist überrascht und schaut vorbei. Ich habe mich bereits auf Slip und BH ausgezogen, die Sprechstundenhilfe sagte, ich könne den BH auch wegmachen, da kommt er schon. Ich bin davon ausgegangen, ich würde nur von der Sprechstundenhilfe in das Zimmer gebracht, auf dem Schild steht Chirurgie, aber sie bleibt da, sie hat noch eine zweite dabei, ich vermute, die zweite ist in Ausbildung, denn ihr wird alles Mögliche erklärt, auch von ihm.

Als wir die Entfernung des Muttermals und des roten Punktes am Po vereinbart haben, habe ich mir vorgestellt, wir sind zu zweit.

Er öffnet die Tür in einer Vorstellung, die unterbrochen wird. Ja, um welche Hautpartien geht es noch einmal, sagt er. Dabei ist er total aufmerksam, ich bin mir sicher, ich fühl, dass er weiß, worum es geht und es trifft auch sofort auf sein Verständnis, seine Aufmerksamkeit, als ich ihn frage, ob ich den BH ausziehen soll, er meint, wir bekommen es so hin und wechselt den Blick vom Muttermal zu mir, zu meinem Gesicht, er bittet mich, mich hinzulegen, ich bin ein bisschen beunruhigt, er sagt dann, wie er das machen wird und dass desinfizieren und lokale Anästhesie vorangehen. Er schaut mich weiter an, ich aber wende mich ab. Ich höre ihn, finden die beiden Sprechstundenhilfen laut. Sie machen Geräusche, suchen das Geschirr oder besprechen die Materialien, die Ältere erklärt der Jüngeren, wo was liegt. Ich, die mit der ganzen Aufmerksamkeit bereit sein wollte für das, was er mir erklärt, bin abgelenkt. Ich spüre die Verbindung zwischen meinem Körper, seinem nahenden Eingriff und meiner Angst oder Vorfreude wenig – noch, doch dann passiert schon etwas. Ein Kribbeln, ich tippe an meinen Oberschenkeln, leise, kann mich nicht so bewusst hinlegen, so eine ganze Weile in Unterwäsche direkt vor ihm, wie er neben mir sitzt. Mich zu mir zu verhalten, kann ich kaum, das ist es, warum ich wegsehe, ich bin in einer neutralen Position.

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Dana Shirley Schällert – Wie man schreit

Über die Unart, erlittenes Unrecht stillschweigend in sich hineinzufressen

Als ich ein Kind war, da habe ich immer sehr laut geschrien. In unserem weißgetünchten Haus mit den vollautomatischen Rollläden und der Einfahrt aus Schotter, Kies und Pflastersteinen. Blecheimerstimme, hat meine Mutter immer gesagt. Meine Mutter mit der Blumenallergie. Meine Mutter, die so oft nicht da war. Und wenn sie da war, dann war sie doch nicht da. Deswegen war ich oft sehr traurig. Wer so rumschreit mit so einer Blecheimerstimme, der kriegt eh nicht, was er will. Und den will übrigens auch keiner. Das hält ja niemand aus. Wenn du dein Leben lang mit so einer Blecheimerstimme schreist, dann werden sie alle vor dir wegrennen. Dann wirst du immer alleine sein. Da habe ich ganz laut geschrien. Mit meiner Blecheimerstimme, bis mir der Hals ganz trocken war. Und meine Mutter ist weggegangen.

Ich bin dann älter geworden. In der Pubertät habe ich auch noch manchmal geschrien. In meinem Zimmer. Gegen die grauen Wände und altrosa Vorhänge. Vielleicht eher nicht wie ein Blecheimer. Vielleicht höher. Vielleicht hysterischer. Vielleicht eher wie der Wasserkocher in der Küche der Wohngruppe. Habe geschrien, als wenn es ganz hoch pfeift in der Luft. Als wenn die Wand zittern, der Vorhang sich bauschen, der Kaktus auf dem Sims herabfallen, das Glas bersten müsse. Und es stimmte schon. Wenn ich mal einen Freund gefunden hatte und der mich mochte und der eigentlich gerne mit mir zusammen war und ich dann so geschrieben habe, weil irgendwas nicht so war, wie ich mir das vorgestellt hatte, meist weil ich Angst hatte, dass er geht, dann ist er gegangen. Dann war ich allein. Und mit Freundinnen war das auch oft so. Eigentlich habe ich immer geschrien, wenn ich hätte weinen wollen. Aber ich hatte gelernt, die Tränen runterzuschlucken.

Irgendwann wurde ich erwachsen. Und das hörte auch nicht auf. Habe dann nicht mehr geschrien. Habe gelernt, auch das Schreien runterzuschlucken. Habe ein Kind, das aus einem zufällig gefallenen Samen gewachsen ist. Das schreit manchmal. Ich gehe nicht weg. Als es noch ganz klein war, schrie es sogar sehr viel. Ich schwieg still, pfiff auf dem letzten Loch, schaute über die in der Heizungsluft längst welk gewordenen Alpenveilchen hinweg aus dem Fenster der Dachgeschosswohnung in die Nacht, lief schließlich stumm und mit blindem Kopf hinter dem Kinderwagen her durch die dunkeltauben Straßen mit den vereinzelt rauschenden Bäumen, trug im Blecheimer den Müll heraus, während es in Strömen goss, und fragte mich manchmal, warum ich aufgehört hatte zu schreien. Ob ich mich längst selbst verschluckte. Ob es nicht besser ist, sich selbst schreien zu hören, im eigenen Schall zu stehen, als in jenem der anderen. Habe das Kind mit der Blecheimerstimme angeschaut, als sei es nicht mein Kind. Ich könnte gehen. Den Mund aufmachen. Schreien, solange ein Ton kommt, bis Tränen kommen, bis ich ganz heiser bin, bis alles herausgeschrien ist. Dann wäre ich allein. Und würde wieder schweigen. Und wenn alle gehen würden, alle Menschen in der Welt, weil sie das Schreien der anderen nicht aushielten, nach ihrem Schreien wieder schweigen würden, dann würde es ganz still sein. Und wir würden einander nicht mehr hören. Einander nicht mehr sehen. Wir wären alle allein.

Heute bin ich erwachsen. Und manchmal will ich schreien. Es klingt eigentlich gar nicht wie ein Blecheimer. Nicht wie ein Wasserkocher. Ich denke an Vogelstimmen, ich schreie sehr unterschiedlich. Eine Eule, eine Krähe, eine Falkin. Ein Wind, ein Sturm, ein Regenguss. Manchmal schreie ich im Ernst, manchmal schreie ich im Spiel. So wie mein Kind. Manchmal klingt es bei uns wie im Frühlingsgarten, in unserem kleinen Schrebergarten, wenn die Vögel ihre Brutreviere markieren, wenn der Sturm den Regen ablöst und wir rasch ins kleine Häuschen flüchten, eng, oder wenn die Amsel vor der Katze warnt und der Nachbar den Rasenmäher anschmeißt. Manchmal liegt mein Kind auf meiner Brust, drinnen oder draußen, ganz dicht unter meinem Hals, ganz dicht nach einem Wutanfall, und ich denke, dass sich ihr Kopf heben müsste, wenn ich schlucke, höre, wie ihr Atem noch pfeift von der Anstrengung, weil sie etwas Asthma hat, und wir schauen in den Himmel, wie die Vögel vorbeifliegen, auch wenns die Zimmerdecke mit der Plusterlampe ist. Wir sind dann still. Ich streiche über ihre vom Schweiß durchtränkten schütteren Haare. An kalten Tagen gibt es Heiße Liebe aus Himbeer und Vanille, wenn es sehr warm ist, dann Eistee, der hilft gegen trockne Kehlen. Und immer gießen wir unsere Blumen mit dem Eimer aus Blech, damit sie nicht vertrocknen.


Jede Menge Prosa und mehr von Dana Shirley Schällert findet ihr auf ihrer Homepage: dana-shirley-schaellert.de

16 Fragen an Dana Shirley Schällert

16 Fragen an Dana Shirley Schällert

Wir freuen uns, euch erneut jemand Neues auf den 16 Seiten vorstellen und wie immer erfolgt das anhand einer kleinen Selbstvorstellung und der 16 Fragen.

Viel Spaß beim Kennenlernen von Dana Shirley Schällert:

Ich habe in Bremen Germanistik, Philosophie, Kunstwissenschaft und Erziehungswissenschaften studiert, lebe inzwischen in der Nähe von Braunschweig. Eine meiner Berufungen ist das Ausbilden angehender Deutschlehrer*innen für das Gymnasium, damit also eine didaktische, als eine zweite, erlebe ich das literarische Schreiben.

Zu letzterer zu bekennen fiel mir deutlich schwerer, sodass ich erst seit ca. eineinhalb Jahren aktiv Lyrik und Kurzprosa veröffentliche. Meine Intention ist nicht nur das Aufgehen im Schreibprozess selbst (ein wunderbarer zweckloser Zweck der Selbstvergessenheit), sondern auch der Diskurs über Texte – mit anderen (zukünftigen) Literaturbegeisterten: Autor*innen, Schüler*innen, Lehrenden.

Publikationen in letzter Zeit in Dichtungring / [Kon-]Paper / Etcetera / Das Narr / &radieschen / Neolith / konfluence / Adventmosaik / im Doppelband „zugetextet“ in diversen Anthologien, im Radio 889fmkKultur und auf www.poesie.zyz. Zu finden bin ich im Netz unter www.dana-shirley-schaellert.de

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16 Fragen an Werner Weimar-Mazur

16 Fragen an Werner Weimar-Mazur

Wir freuen uns, euch erneut jemand Neues auf den 16 Seiten vorstellen und wie immer erfolgt das anhand einer kleinen Selbstvorstellung und der 16 Fragen.

Viel Spaß beim Kennenlernen von Werner Weimar-Mazur:

Ich heiße Werner Weimar-Mazur, wurde 1955 in Weimar geboren (daher für literarische Veröffentlichungen der Namenszusatz „Weimar“ zum bürgerlichen Namen „Mazur“), bin in Karlsruhe aufgewachsen und lebe in Waldkirch im Elztal in der Nähe von Freiburg i. B.

Ich bin gelernter Geologe (Studium der Geologie 1974-1982 in Karlsruhe mit Abschluss Diplom) und habe bis zum Jahresende 2021 als Ingenieurgeologe an verschiedenen Ingenieurbüros in Deutschland und der Schweiz in den Bereichen Altlasten, Grundwasser und Geotechnik/Baugrund gearbeitet.

Ich schreibe seit etwa 1970 literarisch, hauptsächlich Gedichte, und veröffentliche seit 1995. Es gibt inzwischen vier Gedichtbände von mir: 1995 „Tauch ein – Gedichte 1970-1994“, 2012 „hautsterben“, 2016 „herzecho.lyrische sonogramme“ und zuletzt 2022 „heimwehe“. Daneben gibt es zahlreiche Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften und Anthologien. Für 2023 ist ein weiterer Gedichtband in Vorbereitung.

Bei KeinVerlag.de bin ich seit 2005 ununterbrochen aber unter verschiedenen Namen dabei. Ich war auch mehrere Jahre Mitglied im Verein KeinVerlag e. V. und über Jahre im dessen Auswahl-Team „Jungautor:in des Monats“.

Mehr zu meiner Person und den Veröffentlichungen findet Ihr auf meiner Homepage www.weimar-mazur.de

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16 Fragen an blumenleere

16 Fragen an Blumenleere

Wir sind aus der Winterpause zurück und möchten euch wieder jemand Neues auf den 16 Seiten vorstellen und wie immer erfolgt das anhand einer kleinen Selbstvorstellung und der 16 Fragen.

Viel Spaß beim Kennenlernen von blumenleere:

ein offenes autopoietisches system – &, in anlehnung an hakim bey: eine temporaere autonome zone …? –, bezeichnet den nicht naeher lokalisierbaren, durch die zeit wandernden, kreativen schaffens-spiel=raum der persona blumenleere, welche/-r/-s in interaktion mit dem/den/der anderen entsteht & keinerlei wert legt, auf eine geschlechts-/gender-/ethnische/alters- oder sonstige eindeutige, kulturell bedingt ausgelegte z.b. gruppenzugehoerigkeit

gibt die zeitschrift zur philosophie des schenkens heraus bzw. stellt die weichen dafuer (www.zurphilosophiedesschenkens.com); verfasst in erster linie experimentelle (die eignen grenzen, buerden & huerden immer wieder aufs neue auslotende) literatur & gedichte (beides zusammenfassend: poesie), malt (stil: kalligraphie des unbewussten) vornehmlich mit schwarzer tusche & feinem pinsel auf papier & initiiert gelegenlich aktionen (konzeptkunst?).

zahlreiche veroeffentlichungen in literaturzeitschriften & anthologien sowie eigenstaendige: 2021 eine (vergriffene) illustrierte endlosschleife im raubdruck verlag: verzetteln. 2022, ein gedicht-chapbook bei rodney’s underground press: infiltrating paradises. &, 2015, eine autor:inn:enausgabe der zeitschrift das dosierte leben

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