Archiv der Kategorie: Prosa

Diana Jahr – leise laute

geriffelt, ein abend voller linien, im haus, grün, und außerhalb der wände spielt eine glocke den totentanz, weit werfe ich meine stimme in den raum, gehimmelt, gerüttelt das leben der lauthalsigen, im küssen und lauschen liegt eine geschwungene sprache


Lyrik und Prosa von Diana Jahr findet ihr auch auf ihrem Blog: verssprünge.

Hier geht es auch zu den 16 Fragen an Diana Jahr.

Andrea Tillmanns – Zwischen Ebbe und Flut

Wenn sie die Augen schließt und der Stille der Nacht lauscht, glaubt sie manchmal zu wissen, wie eine Muschel sich fühlt. Sie stellt sich vor, die Augen wieder zu öffnen und nur das Dunkel um sie herum zu sehen, das von ihren Schalen geformt wird, dazwischen ein schmaler Spalt, in dem der feine Sand des Wattes mehr zu erahnen als zu sehen ist.
„Na, wie geht es uns denn heute?“, fragt er, nicht unfreundlich, das ist es nicht, was sie innerlich zusammenzucken lässt. Das Wort „uns“, denkt sie, das wird es wohl sein. Bestimmt meint es der junge Mann nicht böse, doch bei jeder seiner Begrüßungen hat sie für einen Moment das Gefühl, dass sie eigentlich empört sein müsste über dieses kleine Wort, das so klischeehaft nach Alter und Unselbständigkeit schmeckt. Vermutlich, so hofft sie zumindest, ist er sich dessen gar nicht bewusst. Vielleicht würde sie ihn fragen, wenn es ihr noch gelänge, den Mund zu öffnen und die richtigen Laute zu formen. 

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Alina Becker – Als Lily ein Drama schreiben wollte

Ein oberflächlicher Betrachter könnte glauben, dass Lily lernt, so tief hat sie den Kopf über ein dickes Buch gebeugt, doch an der Art wie sie die Lippen bewegt sehe ich, dass sie wieder einmal in irgendeiner Geschichte versunken ist.
„Lily.“ Ich klopfe mit der Hand auf das Buch. „Schläfst du?“
„Nein“, sagt Lily und zieht das Wort in die Länge. Na-hain.
„Aber du lernst auch nicht“, stelle ich fest, und Lily zuckt die Schultern, verneint diese Feststellung aber nicht. „Was machst du dann?“, frage ich.
„Ich schreibe“, sagt sie.
„Du hast keinen Stift und kein Papier“, erinnere ich sie.
„Wozu auch?“, fragt Lily. „Die ganz großen Dramen entstehen erst einmal im Kopf.“

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Bernhard Zilling – Was gut klingt

Was so gut klingt wie ein Xylophonholz, nachdem es zum Klingen gebracht worden ist, war in meinen von plötzlichem Glück überfluteten Augen sonnig schimmerndes Gold. Und zugleich umso überraschender, da an diesem Morgen die Wolken am grauen Himmel aus der zu dieser frühen Tagesstunde noch zu keinem anwesenden Publikum hin offenen Orchestermuschel weichen wollten und sie von einem so schmutzigen Grau waren, dass es jedem Menschen wie ein Wunder vorkommen musste, dass aus derart hässlichen Himmelsformationen ein so unschuldig weißer Schnee auf die Erde fallen konnte und sicher auch bald fiel.

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Felix Anker – In einem Land ohne Ohren sind die Tauben Vögel

Wir warteten bereits eine halbe Stunde im Novemberregen auf unsere Mitfahrgelegenheit, als Anna ihren Schal ein weiteres Mal um den Hals wickelte und dichter unter meinen Schirm rückte.
„Denkst du, er kommt noch?“
Daran hatte ich keinen Zweifel. Ich zog eine Zigarette aus meiner Manteltasche und zündete sie an. Kaum hatte ich den ersten Zug genommen, war unser Warten vorbei. Wankend kämpfte er sich durch den Novemberwind bevor er – mit mäßiger Eleganz – landete.
„Guten Abend Sir, Madam, ich entschuldige mich durchdringlichst für meine Verspätung, aber Sie sehen, was da heute los ist.“ Er deutete mit seinem Schnabel zum Himmel und schüttelte die Tropfen aus seinem Gefieder.
„Keine Vorwürfe, Mr. Fuckenstein. Wir sind nicht in Eile. Hauptsache, Sie sind heil angekommen.“
Ich half Anna auf seinen Rücken, bevor ich mich hinterherzog. Mr. Fuckenstein justierte seine Schwanzfedern und stieß sich vom Boden ab. Langsam, und so majestätisch, wie es nur Tauben vermögen, erhob er sich in die stürmische Nacht. Weiterlesen